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Der Israelit · 1876-06-28 · Heft 26 (28.6.1876) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 26 (28.6.1876)
Date
1876-06-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
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600 zu Hartung^s zu schicken. Werner stand noch immer inmitten des Zimmers, die Hand an die Stirn gepreßt und überlegte was beginnen? — Seine Frau trat wieder herein. „Sei doch nicht so ängstlich; ich habe das Mädchen schon fortgeschickt, in einer kleinen halben Stunde wird sie Hiersein. Darf ich Dir eine Tasse Thee einschenken?" Er schüttelte den Kopf und begann den soeben abgelegten Paletot wieder anzuziehen. „Ich muß fort, muß sehen, wo ich sie finde — denn ich sage Dir, sie ist nicht bei Meier's. Ich war im Vorübergehen dort, weil ich sie dort zu treffen glaubte und mit nach Hause nehmen wollte — sie ist nicht dort gewesen." Mit großen, weit aufgerisfenen Augen starrte Frau Werner den Gatten an; Leichenblässe bedeckte ihr Angesicht — er mißverstand den sichtlichen Schrecken, der sie ergriffen. „Fasse Dich," bat er, selbst nach Fassung ringend, indem er sie zu einem Fauteuil geleitete, „ich gehe unverzüglich zum Polizeidirector! mit seiner Hilfe dürften meine Nachforschungen rascher Erfolg haben." Er wollte fort, doch seine Frau hängte sich an seinen Arm. „„Bleib'."" flüsterte sie, „„sie wird gleich kommen, ich versichere Dich."" „Lasst mich," rief er und suchte sich los zu machen, „ich muß eilen, jede Minute Verzögerung kann die Gefahr, in der sie sich möglicherweise befindet, vergrößern." Doch sie umklammerte seinen Arm nur um so fester. „Ich lasse Dich nicht! ich schwöre Dir, sie wird gleich hier sein. Mir ist ja bekannt, wo sie sich befindet," fügte sieleise und mit niedergeschlagenem Blick hinzu. Ein Stein fiel ihm vom Herzen. „„Du weißt, wo sie sich befindet, nun, Gott sei Dank!"" er warf den Paletot wieder ab und sank erschöpft in einen Sessel. „Aber was soll denn diese Geheimnißkrämerei? warum sagst Du mir nicht, wo sie ist?" „„Ich will Dir's ja nicht länger verschweigen,"" erwiderte sie zu ihm hintretend; „„ich habe Unrecht gethan, Werner, verzeihe mir."" Er schüttelte ungeduldig den Kopf. „Ich bitte Dich, sage mir nun endlich ohne Umschweife, wo ist Hermine?" „„Bei Hartung's,"" flüsterte sie. Als hätte ein giftiges Reptil ihn gestochen, so fuhr er empor. „Bei Hartung's! — und gegen meinen Willen! — trotz meines ausdrücklichen Verbotes" — in wilder Hast rannte er im Zimmer auf und nie- > der — „und mich glauben machen, sie wäre bei Meyer's! —" Seine Frau bebte, so hatte sie ihn noch nie gesehen — endlich blieb er vor ihr stehen. „Ist es mit oder gegen Deinen Willen, daß sie das gethan?" murmelte er. „„Ich vermochte ihren Bitten nicht zu widerstehen, halb gezwungen gab ich meine Einwilligung. Verzeihe mir!"" Ein tiefer Seufzer hob seine Brust. „Ich muß mit ihr sprechen, muß von ihr selber hören —" Das Rollen eines herannahenden Wagens ward hörbar, beide Gatten lauschten. Der Wagen hielt, das Hausthor ward geöffnet, leichten Schrittes eilte Hermine die Stiegen hinan. Sie befand sich in fröhlichster Stimmung; noch nimmer, wähnte sie, hatte sie einen so köstlichen Abend verbracht. Noch flimmerte der strahlende Glanz des Weihnachtsbaumes vor ihren Augen; noch tönten die glühenden Schmeichelworte des Grafen Staremberg in ihr Ohr und ihr Herz pochte rascher; ihr Busen hob sich höher, als sie seiner gedachte. Und nun öffnete sie die Thür zum Zimmer ihrer Eltern und hüpfte hinein. Doch der Gruß erstarb ihr auf den Lippen, als sie das verstörte Antlitz der Mutter gewahrte, als sie in das zornfunkelnde Auge des Vaters schaute. Sie wußte, um was es sich handelte, und im selben Moment hatte sie auch den Entschluß gefaßt, durch keckes, unumwundenes Darlegen ihrer Ansicht dem Vater zu imponiren. Stolz warf sie das schöne Haupt zurück und trat grüßend näher. Niemand dankte. „Hermine!" begann Werner nach einigen Minuten allgemeinen Schweigens, indem er sichtlich bemüht gewesen, den Ausbruch seiner Erregung zu mäßigen. „„Du wünschest, Papa?"" „Wo hast Du den heutigen Abend verbracht?" „„Bei Hartung's,"" versetzte sie, indem sie festen Blickes seinem Auge begegnete. „Du warst bei Hartung's trotz meines ausdrücklichen Verbotes und nachdem Du mich glauben gemacht hattest, Du gingest zu Meier's!" Ein spöttisches Lächeln zuckte um Herminens Lippen. „„Du warst schon fortgegangen, Papa, als ich meine Absicht, Auguste zu besuchen, aufgad und von Mama Erlaubniß erhielt."" „Also feige bist Du auch," unterbrach er sie höhnend. „„Nein, ich bin nicht feige;"" rief sie , und dunkle Röthe überzog ihre Wangen, „„ich bin nicht feige, Papa, und ganz offen sage ich Dir, ich habe Dir absichtlich verschwiegen, daß ich zu Hartung's gehen wollte, weil ich überzeugt war, daß Du das nimmer zugeben würdest.""

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