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Der Israelit · 1876-06-28 · Heft 26 (28.6.1876) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 26 (28.6.1876)
Date
1876-06-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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596 gab, glaubte er, nichts mehr zu fürchten zu haben. Unsere Leser werden sich vielleicht wundern, daß ein junger Mann, der so häufig in 1000 Fr. Banknoten bezahlte, nicht Aufsehen erregte. Allein Paris ist sehr groß; es gibt dort der jungen, reichen Elegants eine große Menge; dann auch waren die Banknoten sehr gut nachgeahmt, und eine in Circulation gesetzte Banknote geht durch tausend Hände, ehe sie an der Bank präsentirt wird. Zudem war Binjamin sehr vorsichtig; er ging nie zweimal in dieselbe Restauration, nie zweimal in denselben Laden. Und die Polizei? Die hatte damals ganz andere Dinge zu thun; die war mit politischen Dingen vollauf beschäftigt, hatte nach Revolutionären, Republikanern und Anhängern der Einheit Italiens zu suchen. Wer sich zu jener Zeit nicht mit politischen Dingen befaßte, der wurde von der Pariser Polizei nicht behelligt. Doch der Krug geht so lange zu Wasser bis er bricht. Einige der falschen Banknoten waren an die Bank von Frankreich gekommen und dort als falsch erkannt worden. Die Direktion machte die Anzeige beim Polizeipräsidenten, und dieser befahl seinen geheimen Agenten, auf alle Leute zu achten, die Tausendfrancsbillete verausgabten. Die Herzöge, Grafen, Marquis, die Banquiers und reichen Kaufleute blieben natürlich unangefochten; aber «ach den zweifelhaften Existenzen wurde sorgfältig geforscht Eines Abends, Binjamin hatte soeben vortrefflich soupirt und seine große Banknote cavalierement auf den Tisch geworfen, trat ein Herr zu ihm. „Mein Herr," sagte dieser, „dürfte ich Sie bitten, mir zu sagen, wen ich die Ehre habe vor mir zu sehen?" „Mit welchem Rechte fragen Sie mich?" brauste Binjamin auf. Der Fremde knöpfte seinen Rock auf. Das Zeichen, welches damals die Agenten der geheimen Polizei trugen, wurde sichtbar. Binjamin stieß den Mann bei Seite, daß er taumelte und sprang zur Thüre hinaus; ihm nach der Polizeiagent, mit ihm die Kellner des Restaurant. Nun begann eine wilde Jagd, durch Straßen und Gassen. Plötzlich sah Binjamin eine Thüre offen stehen. Er sprang in das Haus; ihm nach die Verfolger. Binjamin rannte die Treppen hinauf bis unter das Dach, seine Verfolger ihm immer auf den Fersen. Da war ein Dachfenster offen; wie ein Aal wand er sich durch dasselbe, schwang sich auf die Dachfirst und schloß da- Fenster von oben. Dahin konnten ihm seine Verfolger nicht folgen. Doch hörte er, wie der Polizeiagent anordnete, daß Polizeiserganten herbeigeholt, daß die ganze Straße bewacht und das Haus besetzt werden sollte. Die Verzweiflung stählte Binjamins Kräfte, verschärfte seine Sinne. Er kroch auf der Dachfirst vorwärts; denn, wenn er hinunter gekommen wäre, so würde er sofort verhaftet worden sein. Es war das keine kleine Aufgabe, in dunkler, regnerischer Nacht. Andrerseits schützte ihn die Dunkelheit; kein Menschenauge sah ihn. Seine Verfolger glaubten vielmehr, daß er ruhig auf dem Dache sitzen würde, froh, sich festhalten zu können, um nicht hinunter zu stürzen. Unterdeß war Binjamin bis an das Ende der Dachfirst gekommen, da, wo diese an das Nachbarshaus stieß. Das andere Haus war ein wenig höher, mit unmenschlicher Anstrengung erfaßte er den Eckstein der Brandmauer und schwang sich hinauf. Dabei kam ihm die Geschicklichkeit des ehemaligen Kunstreiters zu Statten. Mit der größten Vorsicht schritt er weiter, ein Fehltritt, ein Schwanken, und er lag zerschellt in der Tiefe — und, o Glück, auch hier fand er ein Dachfenster offen. Er schlüpfte hindurch, kam an eine Treppe und schlich hinunter, zwei, drei Treppen. Durfte er es wagen, noch weiter herunterzugehen? Wenn er auf die Straße kam, war er verloren. Er faßte Muth und zog die Schelle am Eingänge der Wohnung, an welcher er sich befand. Em Dienstmädchen öffnete und fragte nach seinem Begehr. Er schlüpfte an dem erstaunten Mädchen vorüber und öffnete eine Zimmerthür. Hier saß auf dem Sopha eine lesende Dame. Binjamin stürzte auf dieselbe zu, ergriff den Saum ihres Kleides und rief in herzzerreißendem Tone: „Retten Sie mich, Madame, oder ich bin verloren!" "(Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilage«. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung I. GottSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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