Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1876)
- Date
- 1876-06-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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591 Sie kennen das Arbeitsverbot am Sabbath, es soll auch diese Ruhe, welche wohl tatsächlich dem Ruhebedürfniß entspricht — die versuchten Decaden haben sich wenigstens als unzuläglich erwiesen — nicht die Kräftigung des Körpers allein — denn dazu würde es keiner absoluten Ruhe bedürfen — erzielt, nein, es soll dadurch wohl auch j der Gedanke, daß Gott der Herr der Welt ist, zum Ausdruck gebracht werden. Thatsächlich ist der Mensch der Herr der Erde, indem er sich die Naturkräfte immer mehr dienstbar macht. Dieser Herrschaft aber soll der Jude am Sabbath entsagen und damit anerkennen, daß nicht er, sondern Gott der wirkliche Herr sei. Indem er dem Gottesgesetze gemäß seine Hand zurückhält, gewohntes Tagewerk zu verrichten, und sich dadurch versagt, in die Natur einzugreifen, macht er den Gedanken der Herrschaft Gottes auf Erden zur That, zur wöchentlich wiederholten Thal; und muß ihm diese That nicht mit Flammenschrift darthun. daß es ein Frevel, ein nie zu sühnender Frevel wäre, wollte er seine Hand zum Mißbrauch seiner Herrschaft über die Welt, zum Nachtheil seiner Mitmenschen die gleich ihm Kinder Gottes sind, benutzen, ja, ist ihm dadurch die Pflicht nicht recht nahe gelegt, seine Hand und seine Kraft zum Frommen seiner Mitmenschen, seiner Brüder, zu verwenden' und zu verwerthen? Auch sollen Sabbath und Festtage nicht der Ruhe allein, sondern es soll nach dem Ausspruche unserer Weisen die Hälfte dieser Tage der Entwicklung der besten Kräfte, die der Mensch besitzt, der geistigen Thätigkeit, dem Studium des Gesetzes, also recht eigentlich der bedeutsamsten und werthvollsten Arbeit, und nur die Hälfte der Erholung gewidmet sein. Und liegt in dieser geistigen Thätigkeit, in diesem Verzicht auf jede gewerbliche oder geschäftliche Mühewaltung — selbst das Besprechen einer jeden geschäftlichen Angelegenheit ist verboten — nicht ein nicht zu unterschätzendes Bildungselement, nicht das kräftigste Schutzmittel gegen die ansschließliche Berücksichtigung der materiellen Interessen, gegen das Versinken in Egoismus und gegen die Anbetung des Mamons, des goldenen Kalbes? Man macht dem Juden den Vorwurf, daß er sich mit zu großem Eifer auf den Handel werfe; der gesetzestreue Jude ist durch feine Religion davor bewahrt, sein besseres Selbst dadurch zu verlieren. Mit dem Eintritt des Sabbath zieht ein Engel oder, wie unsere Weisen sich sehr bezeichnend aus* drücken, eine zweite Seele in die jüdische Familie ein, der Werktage Roth und Plage hat ein Ende und selbst der ärmste Dorfjude, der mit vieler Beschwerde um das Stückchen Brod ringt, dessen er für sich und seine Familie bedarf, streift alle! Sorge und damit auch die Ruhelosigkeit und rastlose Beweglichkeit ab, die ihn sonst auszeichnen, Herz und Gemüth treten in ihre Rechte. Nach dem Besuch der Synagoge betritt der Vater die festlich erleuchtete Sabbathstube, begrüßt sein Weib, herzt seine Kinder und die Familie versammelt sich zu dem je nach den Verhältnissen reicheren oder bescheidenen, aber stets heiterem Sabbathmahle, bei dem der Wein nicht fehlen darf und an dem häufig Arme als Gäste theilnehmen. Nach eingenommener Mahlzeit spricht der Vater das Tischgebet und knüpft je nach seinem Verständnisse anregende und belehrende Gespräche daran, und sicherlich hat dann Nicht der Körper allein leibliche Nahrung, sondern auch Herz und Gemüth wohlthuende Kräftigung empfangen. Der sanfte Schimmer der Sabbathlichter beleuchtet auch in dem engsten Stübchen zufriedene Menschen, die im Bewußtsein treuer Pflichterfüllung sich ihres Daseins freuen, und diese Freude weckt alle edlen Triebe und verhindert die Lieblosigkeit, in das Haus einzutreten. Die Sabbathstube ist so recht eigentlich die Stätte der Familienanhänglichkeit, in der sich Eltern- und Kindesliebe, die sie lobend anerkennen, aufbauen und befestigen. „Was nun die Speiseverbote betrifft, so sind solche nicht, wie vielfach irrthümlich angenommen wird, lediglich sanitätliche Vorschriften zur Erhaltung des Körpers, sondern dürften auch zur Einwirkung auf Herz und Gemüth, auf unsere geistige Thätigkeit bestimmt sein. Es erscheint Ihnen diese Behauptung vielleicht etwas gewagt, allein Sie werden zugeben müssen, daß der Einfluß der Nahrung auf die Stimmung nicht zu verkennen ist, — der Mensch ist, was er ißt, sagt Feuerbach — der eine Nahrungsstoff macht uns träge und verstimmt, der andere eifrig und wohlgelaunt, der eine regt unsere Leidenschaft an, der ändere mäßigt sie, kurz der Einfluß der Nahrung auf den Menschen ist nicht in Abrede zu stellen, und diesen Einfluß sollen unsere Speisegefetze erzielen. „DaS GotteSgesetz ist für uns ein Ganzes, es enthält die reinste Sittenlehre, aber auch das, was Sie dus Formenwesen nennen, und auch das ist uns Gottesgesetz, wir sind als orthodoxe Juden nicht berechtigt, uns einen Theil, welcher es auch sein mag, herauszusuchen. Wir müssen eben das Ganze als eine Willensäußerung unseres himmlischen Vaters ansehen, der wir uns zu unterwerfen haben wie die Kinder dem Gebote der Eltern, wenn sie auch dessen Zweck nicht einsehen. Wir sind wohl berechtigt, über die Motive der göttlichen Gesetze nachzudenken, ohne jedoch ihre Erfüllung von diesen Erwägungen abhängig zu