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Der Israelit · 1876-06-28 · Heft 26 (28.6.1876) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 26 (28.6.1876)
Date
1876-06-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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590 denthumS fei der Glaube an eine besondere Vorliebe Gottes für ein Volk, wovon jeder Einzelne gewissermaßen durch die Geburt schon geadelt sei und dem das göttliche Wohlgefallen gar nicht fehlen könne, sofern er nur stramm am Ceremonialgesetze halte, während das durch den Stifter der chr Religion weltbewegend gewordene Prinzip sich kurz dahin ausdrücken lasse, durch äußere Werke und Ceremonien schließt man keinen Bund mit Gott, dieser wird allein verehrt durch ein frommes Herz . und ein sittliches Leben. Und diesen neuen geistigen gei Bund kann Jeder, weß Volkes Kind er auch sein mag, mit Gott schließen, welcher keine Lieblingsfamilie und kein Lieblingsvolk auf Erden hat, sondern alle Menschen sind — nach unserer Weise ausgedrückt — seine Kinder, und wir alle sind Brüder, zu gegenseitiger Liebe berufen. „Ihnen ist der Reformjude der gebildete Mann, der Anspruch darauf erheben kann, Ihres Umgangs gewürdigt zu werden, während der orthodoxe Jude ein ungebildeter, von ererbtem Dünkel aufgeblähter Mensch, ein auf den Aussterbeetat gesetzter Ueberrest aus einer glücklich überwundenen Zeit diese Prätension nicht erheben darf. „Allerdings, geehrter Herr, würde Jhr Urtheil begründet sein, wenn der orthodoxe Jude dem Bilde entspräche, daß Sie sich von ihm machen und das Sie von ihm entworfen haben. Gott sei Dank, daß dem nicht so ist, daß das Bild, daß Sie gezeichnet, ein grundfalsches ist. Als orthodoxer Jude glaube ich es nicht allein aussprechen zu dürfen, sondern geradezu es sagen zu müssen, daß wir von den sittlichen Gebrechen frei sind, mit welchen Sie uns behaftet glauben, und daß wir uns des Umgangs mit gebildeten und humanen Männern aller Religionen, also auch Ihres Umgangs, Herr vr. Kolkmann, für würdig halten. „Würde das orthodoxe Judenthum, wenn es des inner» sittlichen Haltes entbehrte, sich über drei Tausend Jahre erhalten haben, würde es im Stande gewesen sein, den Seleuciden, den Römern Widerstand entgegen zu setzen? Woher würden die geknechteten, verhönten Nachkommen Jakobs den Muth genommen haben, siebzehn Jahrhund, lang der Verfolgung und Unterdrückung zu widerstehen? Woher würden sie die Kraft zu diesem heroischen und beispiellosen passiven Widerstande genommen haben, wenn sie ihre sittliche Größe nicht in ihrer Religion, dem einzigen Gut, das sie mit in's Elend genommen, gesucht und gesunden hätten? „Allerdings sollen wir nach der Bibel sein ein „Priesterreich und ein heiliges Volk", mit andern Worten, wir sollen durch ein stttenreines, nur dem Dienste des Guten und Edlen, deS wahrhaft Menschlichen und wahrhaft Göttlichen gewidmetes makelloses Leben anderen Völkern ein gutes Beispiel geben und dadurch den Gottesgedanken in die Welt hinaus tragen und für die Anerkennung eines göttlichen, die Welt leitenden und regierenden ewigen Wesen wirken, wir glauben es zu sein, wenn wir dieser uns schon vor mehr als 3000 Jahren, als alle Nationen noch tief im Götzendienste versunken waren, gewordenen Aufgabe, der Verbreitung, des Monotheismus nach allen Seiten hin gerecht werden, wir sind es entschieden nicht, wenn dieser Gedanke nicht unser Thun und Lassen regelt, ja wir entweihen den Namen Gottes, wenn wir uns ein Fehl zu Schulden kommen lassen. „Wir find wie alle Menschen Kinder Gottes, wir glauben uns aber dadurch bevorzugt, daß uns das Gottesgesetz, die Sittenlehre und das Ritual, oder, wie Sie es nennen, Ceremonialgesetz enthaltend, anvertraut ist, daß nur wir verpflichtet sind, auch das letztere zu beobachten. Das ist der ganze Vorzug, den wir beanspruchen, ein Vorzug, der uns viele Pflichten und Entbehrungen auferlegt, und um den uns Wenige beneiden, an dem aber Jeder, wenn er hohen Werth darauf legen sollte, theilnehmen kann, sofern er sich uns anschließt; so wenig wir bestrebt sind, Proselyten zu machen, so wenig weisen wir Jemanden zurück, weß Volkes er auch sein möge, wenn er ohne Hintergedanken, ohne andere Beweggründe, als aus Liebe zur Sache selbst, zu uns übergehen will. „Wir sind aber weit entfernt, unsere Religion für die allein seligmachende zu halten; der viel verkannte und viel geschmähte Talmud sagt vielmehr ausdrücklich, daß die Gerechten aller Nationen des ewigen Lebens, der höchsten Stufe also, die wir erreichen können, theilhaftig werden." „Und das, was Sie Ceremonien nennen, ist kein leeres Schaugepränge, sondern eine einen Gedanken versinnlichende Handlung. Das Ideale bedarf des sinnlich Wahrnehmbaren, um sich an demselben hinaufzuranken und in ihm eine Stütze zu gewinnen. Auch der erhabenste Gedanke ist flüchtig wie die Zeit, flüchtig wie das Wort, wir erfassen ihn wohl, aber eben so leicht entgeht er uns wieder. Welcher Mensch hat nicht schon die höchsten und schönsten Gedanken gehört oder gar selbst erdacht, wie wenige dieser Gedanken aber verbleiben sein dauerndes Eigenthum? Der Gedanke gleicht dem Bilde, das die Sonnenstrahlen in die csaaera. obscura werfen, nur die präparirte Platte vermag dasselbe festzuhalten. Wie die Platte das Bild fixirt und erhält, ebenso erhält und fixirt die Handlung den Gedanken. Lassen Sie mich versuchen, dies durch ein Beispiel näher zu erörtern.

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