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Der Israelit · 1876-06-21 · Heft 25 (21.6.1876) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 25 (21.6.1876)
Date
1876-06-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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576 „Die Gesetze zu corrigiren?" „„Verstehen Sie das nicht, mein junger Freund? Und Sie sollten das doch am Besten verstehen! Sehen Sie, unsere größten Feinde sind die Gesetze. „Recht wird Unrecht, Wohlthat Plage!" Oder wer hat Ihnen je ein größeres Unrecht zugefügt als das Gesetz? Ein altes, verrottetes Gesetz, das gleich nach seinem Entstehen wieder aufgehoben wurde, das Gesetz, daß Ihr Großvater nicht die Schwester seiner verstorbenen Frau heirathen durfte, dies thörichte Gesetz hat Ihnen ein fürstliches Vermögen geraubt und Sie zum Bettler gemacht. Habe ich nicht Recht, wenn ich sage, Sie haben keinen größeren Feind als das Gesetz? Dumme, einfältige Menschen unterwerfen sich ihren Feinden, kluge, tapfere Leute kämpfen gegen dieselben und siegen im Kampfe."" „Ich verstehe Sie noch immer nicht." „„Ich meine, wir gehen jetzt nach Paris und suchen dort, eine leichte, angenehme, einträgliche Beschäftigung zu erlangen, selbst wenn diese mit den gewöhnlichen Begriffen von Recht und Unrecht nicht harmonirt. Ich habe dort einen großen Kreis von Freunden und Bekannten, die Jedem von uns schon ein paffendes Unterkommen anweisen werden."" „Zum Beispiel?" „„Da gibt es zum Beispiel eine ausgebreitete Gesellschaft, die sich ebenso, wie der Staat, das Recht vindicirt, Geld zu prägen. Ich bitte Sie, hat der Staat allein das Recht, seinen Stempel auf das Papier zu drücken und zu sagen, das Stückchen Papier ist jetzt hundert Thaler werth? Ist der Werth eines solchen Stückchen Papiers nicht imaginär? Beruht er nicht ganz und gar auf der Einbildungskraft der Leute? Und nun mögen sich die Leute einbilden, daß unser Papier ebenfalls Werth habe! Wem schaden wir damit! Uns bringts Vortheil und Andern keinen Nachtheil. Diese große Gesellschaft, deren Führer zu meinen «ähern Bekannten gehören, brauchen immer Leute, zum Beispiel, junge Herren, die mit Anstand einen großen Cassenschein ausgeben und sich nach einem lukullischen Mahle auf einen Tausend-Franc-Schein neunhundert und achtzig Franken in Gold und echtem Papiere wieder herausgeben lassen. Und so giebt es noch mancherlei Aemter, in deren Geschäften sich das Angenehme mit dem Nützlichen vereint."" „Aber „„Wenn man Sie fängt, wollen Sie sagen! O, man darf sich nicht fangen lassen. Ich bitte Sie, Gefahr gibt's überall! Wagten Sie nicht auch als Kunstreiter Ihr Leben, Ihre Gesundheit? Doch, ich will nicht in Sie dringen! Kehren Sie nach Deutschland zurück, nach Pfaffenbeerfurt! Werfen Sie sich als reuiger Sohn oder vielmehr Neffe Ihrem Oheim zu Füßen! Vielleicht nimmt er Sie liebevoll auf und erlaubt Ihnen wieder, mit ihm über Feld zu gehen und Hasenfelle zu kaufen!"" Binjamin schwieg. Was er hörte, klang so lockend, so verführerisch! War es denn nicht wahr? Hatte denn nicht das Gesetz ihn um sein väterliches Erbe gebracht? Was war's denn, wenn er nun seinerseits die Gesetze corrigiren half? Der Ausdruck hatte einen so hübschen, einen so unschuldigen Klang! Die beiden Reisenden kamen in einem Städtchen an, in dem sie zu übernachten beschlossen. Von hier aus ging der Schienenstrang nach Paris und auch nach Deutschland. Hier mußte sich Binjamin entschließen, ob er mit Heinzelmann reisen oder ob er ihn verlassen wollte. Lange lag er in der darauffolgenden Nacht ruhelos auf seinem Lager, üherlegend was er thun sollte. Endlich entschloß er sich, in jedem Falle mit seinem neuen Freunde nach Paris zu fahren; dort konnte er sich ja noch immer von ihm trennen. Nachdem cr diesen Entschluß gefaßt hatte, schlief er ein. Aber noch im Traume verfolgten ihn die Ereignisse des Tages. Es kam ihm vor, wie wenn der Henker ihn erfaßt hätte, um mit einem glühenden Stempel ihm Galgen und Rad auf den Rücken zu brennen; und ganz deutlich sah er Heinzelmann neben dem Henker stehen, höhnisch lachend. Binjamin erwachte, und siehe, Heinzelmann stand wirklich lachend an seinem Bette. „Ist der Junge ein Langschläfer," sagte er; „die Lerche Ms' nicht die Nachtigall, die eben am Himmel geschlagen!" Beeilen Sie sich, Binjamin, stehen Sie auf! In einer Stunde schon geht der Zug nach Paris ab." (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilage«. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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