Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1876)
- Date
- 1876-06-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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575 Feuilleton. XVII. Als Binjamin langsam seines Weges ging — sein noch immer schwaches Bein gestattete ihm nicht, schnell voranzuschreiten — holte ihn ein Mann ein. „Grüß' Sie Gott," sagte der Fremde, „erlauben Sie mir, Sie zu begleiten. Es ist so angenehm, die entsetzlich weiten Wege durch Plaudern abzukürzen. „Zum Werke, das wir ernst bereiten, geziemt sich wohl ein ernstes Wort, wenn muntere Reden sie begleiten, dann fließt die Arbeit rascher fort." Binjamin lachte. „Es scheint," sagte er, „daß Sie Schiller verbessern wollen!" „„Es kömmt mir nicht so genau darauf an, wortwörtlich zu citiren. Ich liebe es, meine Gedanken in die Worte der großen Männer unsrer Nation zu kleiden, ohne mich sclavisch an den Wortlaut zu binden. Sie sind also ein Landsmann, junger Freund, und sogar ein gebildeter Landsmann, wie ich an Ihrer Ausdrucksweise merke. Woher sind Sie?"" „Ich bin auf einem Gute bei P. am Rhein geboren?" „„Und wohin reifen Sie jetzt?"" „Ich will nach F. gehen, wo meine Mutter jetzt wohnt." Der Fremde sah Binjamin scharf an. „„Sie heißen Binjamin Hirschfeld/'" sagte er. „Woher kennen Sie mich?" „„Zunächst an der merkwürdigen Aehnlichkeit mit Ihrer Frau Mutter; was mir noch fehlte, errieth ich aus Ihren Worten."" „Sie kennen meine Mutter?" „„Ich kannte sie schon, als sie noch Carolina Grünblatt hieß; auch habe ich sie in F. oft genug gesehen."" „Wie geht es ihr?" „„Nicht besonders. Sie hat den letzten Rest ihres Vermögens an der Börse verspielt; jetzt wird sie eine Zuflucht bei ihrem Bruder im Odenwalde gesucht und gefunden haben."" Binjamm seufzte. „„Warum seufzen Sie, junger Mann? Soll man seufzen, wenn man siebenzehn Jahre alt ist, und noch dazu an einem so schönen Maitage? „Seht, wie die Tage sich so sonnig verklären, blau ist der Himmel und grünend das Land, Klag' ist ein Mißton im Chor der Sphären, trägt denn die Schöpfung ein Trauergewand?" Fröhlich und wohlgemuth, das ist mein Wahlspruch!"" „O, wenn Sie wüßten, was Alles ich schon erduldet habe!" „„Manches davon weiß ich, das Andere kann ich mir denken. Sie haben eine Million verloren, die Sie nie besessen haben — auch ich habe eine Million verloren, die ich noch nie besaß"" „Wie soll ich das verstehen?" „„Nun, ich war Börsenspeculant und träumte von ungeheuren Gewinnsten und machte mir und der Welt weiß, ich sei ein Millionär. Bleiben wir jedoch bei dem Vergleiche unserer Schicksale. Sie waren Kunstreiter, sind vom Pferde gestürzt, haben ein Bein gebrochen . . . ."" „Wie so wissen Sie?" „„Daß Sie unter die Kunstreiter gegangen sind, hat mir Ihre Mutter erzählt, daß Sie vom Pferde gestürzt und ein Bein gebrochen, habe ich mir gedacht, weil Sie das eine Bein noch ein wenig nachschleifen. Aber seien Sie nur vergnügt, das gibt sich in wenigen Wochen."" „Sind auch Sie Kunstreiter gewesen?" „„Nein, aber Schauspieler; ich bin nicht vom Pferde gestürzt, aber von der Bühne. Ich passe nicht für's Drama; ich bin ein lyrisches Gemüth. „Leidvoll und freudvoll, gedankenvoll sein, hangen und bangen in schwebender Pein!" Ich gehe jetzt nach Paris, dort mein Glück zu machen! Und Sie, wollen Sie wieder nach Pfaffenbeerfurth?"" Binjamin antwortete nicht. „„Gehen Sie mit mir nach Paris!"" sagte der Fremde; „„ich heiße Robert Heinzelmann und bin ein alter Freund Ihrer Mutter. Ich will natürlich für Sie sorgen, will Jhneä mit Rath und That beistehen. Noch besitze ich einige tausend Franken. Bis die verzehrt sind, leben wir lustig und in Freuden. Unterdeß wird sich für Jeden von uns in dem großen, schönen, kaiserlichen Paris eine Beschäftigung finden, die ihren Mann nährt. Im schlimmsten Falle gehen Sie, nachdem Ihr Bein wieder gekräftigt, in den Circus, wo man Sie mit offenen Armen aufnehmen wird. Doch wnd's dahin nicht zu kommen brauchen; wenn wir uns nur darauf verstehen, die Gesetze ein wenig zu corrigiren, so wird sich uns in dem großen, schönen Paris Aussicht auf Reichthum und Wohlleben genug bieten.""