Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1876)
- Date
- 1876-06-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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551 Feuilleton. Prosrlyten. Von Friedrich Nott. IV. Jahre waren vergangen, Hermine Werner war zur blühend schönen Jungfrau herangereift. Wieder flackerten an Werners Fenster die Chanukah- Lichter und wieder kräuselte leise Verachtung Herminens Lippen, während ihr Vater, den uralten Jubelgesang singend, im Zimmer auf und nieder wandelte. Träumerisch, das Haupt auf die Hand gestützt, saß das junge Mädchen sinnend da; das Singen des Vaters schien sie nicht mehr zu hören. Die Stickerei, an der sie gearbeitet hatte, lag vor ihr auf dem Tische. Werner hatte es nie geduldet, daß seine Tochter arbeitete, während die Chanukah- Lichter brannten. Jetzt hatte er seinen Gesang beendet und trat zum Tische; Hermine hatte ihn nicht bemerkt. Lächelnd und doch mit väterlichem Stolze betrachtete er das feine, geistvolle Antlitz seiner Tochter. „Was sinnest Du denn, Minchen?" „„Was wünschest Du, Papa? " „Ich fragte Dich, an was Du gedacht hast " entgegnete er neckend. „„An nichts, an gar nichts."" „An gar nichts? da müßte der Schein sehr trügen." „„Ach, jetzt entsinne ich mich schon, an was ich gedacht habe."" „Nun?" „„Ich dachte, daß es bald Zeit sei, Toilette zu machen und ließ in Gedanken meine Garderobe Revue passiren."" „Das hätte ich mir eigentlich, denken können; Du machtest eine gar nachdenkliche Miene. Aber was gibt's denn heute Abend? wozu wird große Toilette gemacht?" „„Meine Freundin Auguste Meier feiert heute Abend ihren Geburtstag und hat alle ihre Freundinnen dazu eingeladen."" Sie hatte die letzten Worte etwas leise, fast schüchtern, hervorgebracht. Werner beachtete es nicht, doch seine Frau schaute ganz überrascht darein. „Auguste Meier ist ein braves Mädchen," entgegnete Werner, „am liebsten sehe ich Dich in ihrer Gesellschaft; ihr Vater und auch ihr Bruder! sind noch recht fromme Juden. Nun, adieu, liebes j Kind! amüsire Dich brav."! Er drückte einen Kuß auf Herminens Stirn, ' nickte seiner Frau zu und schritt zur Thür; doch bevor er dieselbe öffnete, kehrte er nochmals zurück. I „Sei nicht besorgt, wenn ich etwas später! heimkomme; ich habe heute eine etwas längere Verhandlung mit einigen Geschäftsfreunden;" er grüßte nochmals und ging hinaus. Hermine lauschte den sich entfernenden Schritten ihres Vates; als sie sie nicht mehr vernahm, warf sie sich stürmisch der Mutter um den Hals und brach in ein lautes Lachen aus. „Nun. Mama, was sagst Du nun?" „„Daß. Du ein inconsequentes, launiges Köpfchen hast,"" erwiderte Frau Werner, indem sie ihrem Liebling die glänzenden Locken aus der Stirne strich. „Jnconsequent, Mama? wieso denn das?" „„Nun, als Auguste Dich gestern bat, sie heute zu ihrem Geburtstage zu besuchen, da wiesest Du ihre Einladung so stolz und so entschieden zurück, daß ich wirkliches Mitleiden mit dem guten, freundlichen Mädchen empfand; und nun mit einemmal willst Du doch hingehcn?"" „Nein, Mama, nein," rief Hermine lachend und dabei doch verlegen erröthend, „das ist durchaus nicht meine Absicht." „„Nicht? Du sagtest es doch soeben."" „Ich bitte um Entschuldigung, Mama, das habe ich nicht gesagt. Ich sagte nur, daß Augustens Geburtstag ist und daß sie alle ihre Freundinnen eingeladen —" „„Und sagtest Du nicht, daß es Zeit sei, Toilette zu machen."" „Allerdings sagte ich auch das — doch auS allem dem folgt noch nicht, daß ich zu Auguste gehen will." „'„Nicht?"" fragte Frau Werner ganz erstaunt und blickte kopfschüttelnd zu ihr auf. Hermine schlang die Arme um den Hals der Mutter und bedeckte ihr Gesicht und ihre Hände mit ihren Küssen. „Mama'chen, liebes, gutes Mama'chen, wenn Du nur wüßtest, wie lieb ich Dich habe." „„Schmeichlerin."" entgegnete die Mutter lächelnd, indem sie sich den stürmischen Liebkosungen zu erwehren suchte, „ „was willst Du denn nur wieder von mir erbetteln? aber vor Allem sage mir, was hast Du heute Abend vor?"" „Ich habe Bertha Hartung versprochen, den heutigen Abend bei ihr zuzubringen," flüsterte Hermine. „„Was sagst Du?"" rief Frau Werner er-