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Der Israelit · 1876-06-14 · Heft 24 (14.6.1876) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 24 (14.6.1876)
Date
1876-06-14
Page
– (sequence 12)
Language
German
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552 chrocken, „Du wolltest zu Hartungs gehen? nein, Kind, das wird Pava nicht zugeben."" „Das weiß ich wohl," entgegnete Hermine flüsternd, „darum habe ich Papa auch glauben lassen, daß ich zu Meiers gehe; aber Du, mein liebes, einziges Mama'chen, Du wirst mir diese Freude nicht mißgönnen." Doch Frau Werner schüttelte noch immer den Kopf. „„Es geht nicht, Kind, es geht durchaus nicht. Seit Hartungs sich haben taufen lassen, hat Papa Dir allen und jeden Verkehr mit ihnen untersagt, das weißt Du."" „Freilich weiß ich das, ich leide ja so sehr dadurch. Aber was kümmert mich denn eigentlich, daß sie getauft sind? Bertha war von jeher meine beste Freundin, und sie und ihre Mutter haben mich beide so freundlich und so dringend eingeladen, den heiligen Abend, das ist der heutige, bei ihnen zuzubringen. Es wird so schön und so nobel dort sein. Herr Hartung hat ja vor Kurzem einen Orden erhalten und Bertha hat mir erzählt, daß mehrere Herren aus der höchsten Aristokratie ihre Gegenwart zugesagt haben. Nicht wahr, lieb' Mütterchen, Du lässest mich hingehen?" „„Unmöglich, Kind, in der That unmöglich."" „Aber warum denn unmöglich? Papa braucht ja gar nichts davon zu erfahren. Hannchen kann mir eine Droschke holen und ich fahre allein hin und bestelle gleich den Droschkenkutscher, daß er mich um elf Uhr abholcn soll. Wenn Du, liebe Mama, dann ungefähr zur selben Zeit Hannchen zu Hartungs schicken wolltest, so könnte sie mit mir zurückfahren, und Papa meint während der ganzen Zeit, daß ich bei den lieben Meiers bin." „„Es geht nicht, Kind, es geht in der That nicht. Bedenke doch, gegen das ausdrückliche Verbot des Vaters — „Aber mit Einwilligung meines lieben, guten Mütterchens! — liebe, gute, goldige Mama, nur dieses einemal laß mich gehen! ich habe es Bertha ganz sicher versprochen, daß ich kommen werde." Und von Neuem überhäufte sie die Mutter mit Liebkosungen und Schmeichelworten und allmählich, ganz allmählich entlockte sie der schwachen Frau die so heißersehnte Erlaubniß. Jubelnd schlug sie die schmalen, weißen Hände zusammen. „Dank, Mama'chen, liebes, goldiges Mama'- chen! ich wußte es ja, Du mißgönnst mir keine Freude. Ich werde Dir auch Alles erzählen, wie es dort war und wer dort war und —" „„Wenn ich meine Nachgiebigkeit nur nicht bereuen werde/'" klagte Frau Werner, „„ich weiß es selbst nicht, warum; aber mir ist das Herz so schwer."" „Mir gar nicht;" lachte Hermine, „doch wenn Dir so viel daran gelegen ist, so will ich meinem lieben Mütterchen-zu Liebe den Kutscher schon um dreiviertel auf elf Uhr bestellen." „ ,Thu'das, ich wollte, Du wärest schon wohlbehalten wieder zu Hause und am liebsten wäre es mir, Papa bliebe eben so lange aus; ich weiß wirklich nicht, wie ich ihm in's Gesicht werde sehen können."" „Wird schon gehen," lachte Hermine. „Dock nun heißt es eilen, sollst einmal sehen, Mama, wie schön ich mich machen werde und wie schnell das geschehen sein wird." Ein Liedchen trällernd, hüpfte sie davon; bekümmerten Blickes schaute die Mutter ihr nach. Die schwache, gutmüthige Frau war mit sich selbst unzufrieden; sie fühlte, daß sie nicht recht handelte und war dvch nicht im Stande, den Bitten ihres Lieblings zu widerstehen; sie fühlte sich sehr, sehr unbehaglich. Doch als» nach einer kleinen halben Stunde die Thür sich öffnete und Hermine in voller Gesellschaftstoilette in's Zimmer rauschte, da schwand beim Anblick dieser vollendet schönen Erscheinung der Ur-muth der Mutter wenigstens momentan. Hermine wußte, daß sie schön war, und dieses Bewußtsein verlieh ihr eine so stolze Siegesgewißheit, daß es ihre imposante Schönheit nur noch mehr hervvrhob. „Adieu, lieb'Mama'chen, unterhalte Dich gut; tch hoffe es auch zu thun." „„Adieu, mein Kind. Grüße Frau Hartung von mir und komme nur rechtzeitig nach Hause; ich werde Hannchen um halb elf Uhr zu Hartungs schicken. Bist Du auch gut verwahrt? Hast Du Deinen Plaid? " „Sei unbesorgt, Mama, ich werde mich schon in Acht nehmen Doch da kommt die Droschke, ich muß gehen." Die Mutter legte ihr den warmen Shawl um die Schultern und hegleitete sie selbst die Stiegen hinunter bis zum Wagen, der mit dem blühenden jungen Mädchen eilends davon rollte. Langsamen Schrittes kehrte Frau Werner in ihr Zimmer zurück. Sie nahm ein Buch und versuchte zu lesen, doch es war ihr unmöglich; die Buchstaben tanzten vor ihren Augen. Sie war so erregt; jeden lauten Schritt hielt sie für den ihres Gatten und zitterte bei dem Gedanken, ihm zu begegnen. Wäre nur der Abend erst vorüber und Hermine wohlbehalten wieder daheim; nie würde sie ihr Aehnliches wieder gestatten; sie nahm es sich fest, recht fest vor. ' (Fortsetzung folgt.

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