Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1876)
- Date
- 1876-06-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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548 wesen; der Director war abgereist, man wußte nicht, wohin. Binjamin befand sich in der größten Verlegenheit; nicht allein, daß er für die Zukunft nichts zu leben hatte, er mußte auch die Wirthsrechnung für die letzte Woche, die zwanzig Franken betrug, bezahlen. Großmüthig begnügte sich der Wirth mit Binjamin's Ueberzieher, für den dieser im vorigen Winter in Straßburg 100 Franken bezahlt hatte. Binjamin war jetzt so weit erholt, daß er ohne Krücken gehen konnte. Er band seine geringen Habseligkeiten in ein Tuch und machte sich auf den Weg, nicht wissend, wohin er sich wenden sollte. Mühsam schleppte er sich in das nächste Dorf. Dort mußte er sich erschöpft auf einen Stein setzen. Ein alter Mann kam des Weges und blieb bei ihm stehen. „Sie sind wohl der junge Kunstreiter," sagte er; „der hier in der Nähe wor einigen Wochen vom Pferde stürzte und das Bein brach?" „„Jawohl, mein Herr."" „Wissen Sie auch, weßhalb Sie abgeworfen wurden?" „„Das Pferd war immer ein sehr wildes Thier gewesen."" „Das war nicht die Ursache; es war Rischuß, reines Rischuß*)." „„Wie meinen Sie das?"" „Man hat das Pferd aufgefangen; in seinem Ohr fand sich glimmender Zündschwamm." „„Das hat Niemand anders als Francois gethan! Und ich habe dem Menschen nie etwas, in den Weg gelegt!"" „Was gedenken Sie jetzt zu thun?" „„Ich weiß es nicht; meine Baarschaft ist zu Ende, und zum Reiten fühle ich mich noch zu schwach."" „Armer junger Mann! Sie sind Jude?" „„Das bin ich."" „Kommen Sie mit mir in mein Haus; ich werde Ihnen zu essen und zu trinken geben lassen." Binjamin folgte dem freundlichen Alten; man setzte sich zu Tische, und Binjamin aß mit gutem Appetite. Nach dem Tischgebete bat der Alte seinen Gast, ein wenig zu ruhen; er müsse jetzt fortgehen, er würde aber bald wiederkehren. *) Bosheit. Unterdeß leistete die Hausfrau dem Jüngling Gesellschaft. „Haben Sie noch Eltern?" fragte das Mütterchen, das sein Haar vorne mit einer schwarzen Sammtbinde bedeckt hatte. „„Eine Mutter."" „Und werden Sie zu dieser wieder zurückkehren?" „„Jawohl," sagte er, „mir wird nichts Anderes übrig bleiben."" „Und warum möchten Sie nicht zu Ihrer Mutter zurückkehren?" ., „Meine Mutter ist arm und kann kaum sich selbst ernähren."" Der Hausherr kehrte zurück. Er legte fünfzig Franken auf den Tisch. „Hier." sagte er, „nehmen Sie, junger Freund! Das Geld habe ich für Sie in der Gemeinde gesammelt." ,,„O, wie gütig Sie sind! Womit habe ich das verdient!"" „Sich der Armen und Unglücklichen zu erbarmen, das ist heilige Pflicht, das ist so Vorschrift in unserer Religion." Thränen stürzten Binjamin aus den Augen; er dachte daran, wie oft er die armen Glaubensgenossen, die bettelnd in sein Vaterhaus gekommen waren, verhöhnt und verspottet hatte, wie oft er gedroht hatte, die Hunde auf sie zu hetzen. ,,„O,"" sagte er, „„wenn Gott mir beisteht und mich wieder in die Lage versetzt, Armen Gutes zu thun, so will ich gewiß barmherzig sein." " „Wenn Gott Sie wieder in die Lage versetzt? Waren Sie schon ein Mal in solcher Lage?" „„Ich stamme aus einem reichen Hause."" „Und sind Ihren Eltern durchgegangen?" „„Mein Vater ist todt; meine Mutter ist arm." " „Und was wollen Sie jetzt beginnen?" „„Ich will wieder zu meiner Mutter zurückkehren."" „Das ist brav. Gott geleite Sie!" Binjamin ging, gestärkt durch Speis und Trank, gestärkt durch das Bewußtsein, nicht ganz mittellos zu sein, aber noch mehr gestärkt durch das freundliche Entgegenkommen guter, barmherziger Menschen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. 'Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung I. GottSleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger). mum