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Der Israelit · 1876-06-14 · Heft 24 (14.6.1876) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 24 (14.6.1876)
Date
1876-06-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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547 Feuilleton. liajflmin. XVI. Der Winter war dahingegangen. Der scharfe Nordostwind, welcher die Monate Januar und Februar hindurch geherrscht hatte, war in einen milden Süd-West umgeschlagen, vor dessen Wehen Schnee und Eis schmolzen.' In wenigen Tagen wurden die Felder grün, und die ersten Veilchen steckten verschämt ihre Köpfchen hervor. Die Gesellschaft, bei welcher Binjamin seine Reiterkünste producirte, hatte in Straßburg glänzende Einnahmen gehabt; aber in jüngster Zeit war das Interesse an den equilibristischen Leistungen geringer geworden; der Direktor beschloß darauf, Straßburg zu verlassen und die kleineren Städte des Elsasses zu besuchen. Binjamin war nicht allein der Liebling des Publikums, sondern auch der der Gesellschaft geworden; nur Einer haßte ihn, wie nur ein Mensch den andern hassen kann. Das war Monsieur Frantzois Derselbe war vor Binsamins Eintritt der erste, kühnste, geschickteste Reiter der Gesellschaft gewesen, und es wurmte ihn sehr, daß seine Leistungen durch Binjamin in den Schatten gestellt wurden, daß Binsamins kühne Ritte, Sprünge und Kunststücke den donnernden Applaus des Publicums hervorriefen, während seine eigenen Produktionen das Publicum ziemlich kalt ließen. Francois verbarg die Gefühle des Neides gegen den vielbewunderten Collegen auf das Sorgfältigste, und er hätte vielleicht auch tatsächlich nichts gegen ihn unternommen, wenn nicht Mademoiselle Aline, die erste Reiterin der Gesellschaft, die vordem ihm so gewogen gewesen, ihre Gunst in neuerer Zeit von ihm abgewendet und mit besonderer Vorliebe den verhaßten Rivalen ausgezeichnet hätte. Binjamin war zwar noch ein halbes Kind und zeigte für das Entgegenkommen der schönen Künstlerin nicht das geringste Verständniß; trotzdem beschloß Francois,' sich den gefürchteten Nebenbuhler vom Halse zu schaffen. Die Gesellschaft hatte Straßburg verlassen, um in Mühlhausen ihre Vorstellungen wieder aufzunehmen. Es war am zweiten Tage der Reise. Binjamin ritt sorglos neben dem Wagen, in welchem Fränlein Aline saß und unterhielt sich mit dieser. Da scheute plötzlich sein Pferd. Er packte es mit starker Hand und suchte es, wie gewöhnlich zu bändigen; diesmal aber reichte seine Kraft nicht aus; das edle Thier war wie rasend. Im unaufhaltsamen Galopp stürmte es dahin, dabei die entsetzlichsten Sprünge machend; auch nachdem es seinen Reiter abgeworfen, stürmte es weiter. Franyois hatte ihm, unbemerkt brennenden Zündschwamm in das Ohr gesteckt. Binjamin lag hilflos da, und als die Mitglieder der Gesellschaft herbeiritten und ihm aufhelfen wollten, da konnte er nicht aufstehen, er hatte ein Bein gebrochen. Er wurde in einen der Wagen der Gesellschaft gebracht und im nächsten Dorfe in einem Wirthshause abgeladen. Aus einem nahen Städtchen wurde ein Arzt herbeigerufen. Dieser untersuchte das Bein und erklärte, daß er es in Gyps legen müsse. Mindestens sechs Wochen sollte der Patient still liegen; die geringste Bewegung würde ihm schaden. Die Gesellschaft zog weiter, nachdem jedes i einzelne Mitglied sich von Binjamin verabschiedet und sein herzliches Beileid ob dessen Unfall zu! erkennen gegeben hatte.! „Armer Junge," sagte der Director, „was mir das leid rhut! Mein bester Reiter, meine Haupteinnabmsquelle! Hoffentlich werden Sie uns bald nach Mühlhausen Nachkommen. Ihre Erspar-! niffe, die Sie mir aufzubewahren gegeben haben, I nehme ich einstweilen mit mir; sie stehen ihnen zu jeder Zeit zu Diensten." Am dritten Tage stellte sich bei Binjamin das Wundfieber ein. Er war recht schwach und elend. Einsam lag er da in der Dorfschenke, der Pflege wildfremder Menschen überlassen! Als das Fieber nachließ, plagte ihn die schreckliche Langeweile. Er ließ sich Bücher bringen; aber er konnte nicht leien; es war ihm zu ungewohnt. Da bat er den Wirth, er möge ihm junge Leute auf sein Zimmer schicken, die mit ihm Karten spielen möchten. Das geschah. Nach wenigen Tagen hatte Binjamin die ganze Baarschaft, die er bei sich führte, verloren. Er schrieb daher an den Director nach Mühlhausen, daß dieser ihm einen Theil seines Guthabens sende. Schon in den nächsten > Tagen erhielt er einen Brief mit fünfhundert j Franken. Die hielten nun freilich etwas länger an; aber als die Beinschienen ihm nach sechs Wochen abgenommen wurden und er mühsam an einer Krücke wieder gehen konnte, als er dann seine Rechnungen an den Arzt und an den Wirth bezahlt hatte, da blieben ihm nur noch wenige Franken übrig.! Binjamin bedurfte noch sehr der Schonung; j deßhalb schrieb er aufs Neue an den Director nach Mühlhausen, um sich das zweite Drittel seines Guthabens senden zu lassen; aber der Brief I kam znrück. Die Gesellschaft hatte in Mühlhausen j nicht reüssirt; dis Einnahmen waren gering ge-

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