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Der Israelit · 1876-06-07 · Heft 23 (7.6.1876) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 23 (7.6.1876)
Date
1876-06-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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527 ohne seine Hilfe hinaus, und beide eilten in das vor ihnen liegende stattliche Amtsgebäude. „Nehmen Sie gefälligst meinen Arm," bat der Geistliche. Antonia that es. sie glaubte in dieser Positur mehr Achtung einzuflößen. Das Zimmer des Beamten, dem ihr Kommen galt, war bald erreicht; ein Diener meldete den israelitischen Prediger, und dieser trat ein, seine Dame am Arm. Die Freunde begrüßten einander auf's Herzlichste; der Docior stellte Antonia Nossa vor und legte dann unverzüglich und mit glänzender Beredsamkeit sein Anliegen dar. Der Beamte war in der That ein menschenfreundlicher, theilnehmender Mann; vor sich sah er das schöne bleiche Weib, bebend vor Angst um die Zukunft des Kindes, das sie unter dem Herzen trug, und wie der Prediger die Verhältnisse schilderte, mußte er wähnen, einen Act der Humanität zu begehen, indem er dem an ihn gerichteten Verlangen entsprach; zudem flüsterte der schlaue Geistliche dem Zögernden noch einige gewichtige Worte in's Ohr, und die Sache war entschieden Noch waren die von Antonia veranschlagten drei Stunden kaum entschwunden und schon betrat sie, mit Allem ausgerüstet, vom Geistlichen begleitet, das Zimmer des Sterbenden. Es war nichts Geringes, was ihr gelungen; aber sie war so erschöpft, daß sie kaum im Stande war, sich aufrecht zu halten. Der auf ihr Geheiß am Kraukenbetre weilende Arzt sah sie schwanken und sprang herzu. „Um Alles in der Welt! nur keine Schwäche fetzt oder Sie haben Alles verloren." „„Er lebt also noch?"" stammelte Antonia- Der Arzt bejahte. „Aber seine Minuten sind gezählt; fügte er hinzu. „Bereiten Sie ihn rasch vor und lassen Sie die Ceremonie beginnen." Antonia warf sich am Bette nieder. „Karl! mein theurer, einziger Karl" rief sie. Der Sterbende hob mühsam die schweren Lider, „„Toni! liebe Toni!'" murmelte er. „Ich habe Dir Beruhigung schaffen wollen, mein theurer Karl," fuhr Antonia fort, „der Geistliche ist da. der israelitische Prediger Dr. Hahn; wenn Du willst, kann er die Trauung sogleich vornehmen." Der Sterbende senkte zustimmend die Augenlider. Inzwischen hatte Dr. Hahn sich mit dem Arzt verständigt. „Wir bedürfen zweier Zeugen,"! sprach Seine Ehrwürden, „sind Herr Doctor vielleicht Israelit?" Der Arzt bejahte. „Ist unter dem Dienstpersonal vielleicht noch ein Jude?" „»Ich glaube, der Wärter ist ebenfalls Israelit doch eilen Sie."" fügteer hinzu, „„beschränken Sie die Ceremonie auf das Rothwendigste, oder Sie gefährden das Ganze."" „Sehr wohl," versetzte der Geistliche, indem er den Wärter herbeiwinkte; „doch nun bedürfen wir noch eines Ringes; hat der Herr Baron vielleicht —" „„Hier, hier!"" flüsterte Antonia hastig und zog einen schmalen Goldreif vom Finger, Dr. Hahn nahm den Ring und trat zum Sterbebette. „Herr Baron von Mosbach! ' sprach er mit erhobener Stimme. Der Angeredete schlug den bereits umflorten Blick zu ihm auf. „Herr Baron von Mosbach, sind Sie gewillt, mit dem hier anwesenden Fräulein Antonia Rossa in den heiligen Stand der Ehe zu treten?" „„Ja, ja,"" stammelte der Kranke. „Nun, so wollen Sie die Trauungsformel, die ich Ihnen vorsagen werde, mir nachsprechen." Er legte den Ring zwischen die Finger des Sterbenden und sprach dann mit lauter vernehmli-cher Stimme in hebräischer Mundart; mühsam lallend sprach der mit dem Tode ringende Bräutigam die ungewohnten Laute ihm nach: „„Durch diesen Ring bist Du mir angetraut nach dem Gesetze Moscheh's und Israels."" „Empfangen Sie den Ring, mein Fräulein, und die Ehe ist geschlossen." Antonia nahm den Ring, den die beständig zuckenden Hände ihr nicht mehr darzureichen vermochten. „Empfangen Sie meine wärmsten Glückwünsche, Frau Baronin!" sprach der Geistliche mit tiefer Verneigung. „Toni!" stammelte der Neuvermählte, „Toni!" Sie wollte sich über ihn neigen; doch in diesem Augenblicke wurde er von heftigen Convulsionen ergriffen. Der Arzt trat hinzu. „Wollen Sie die Frau Baronin in ein anderes Zimmer geleiten; ' wandte er sich an den Geistlichen, „hier ist ihr Platz nicht mehr." Noch einen Blick warf Antonia auf das Bett, schauerte in sich zusammen und verließ dann, auf den ihr dargereichten Arm des Dr. Hahn gestützt, schwankenden Schrittes das Sterbezimmer. Sie barg das Angesicht in ein feines Battisttuch und schien nur mit Mühe ein lautes Schluchzen zu unterdrücken. „Fassen Sie Muth, Frau Baronin, fassen Sie Muth!" tröstete der Geistliche. „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, Sein heiliger Name sei gelobt!"

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