Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1876)
- Date
- 1876-06-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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528 Doch Antonia warf sich in einen Sessel; ein Strom von Thränen entstürzte ihren Augen. „„Wollen Sie nicht hineingehen, Herr Doctor!"" sprach st'e nach einigen Minuten. „„Wollen Sie nicht meinem unglücklichen Gatten die letzten Tröstungen Ihrer Religion überbringen?"" „Ich hatte bereits die Absicht," erwiderte er, „doch ich wagte es nicht, die Frau Baronin in diesem Moment allein zu lassen." „„Bitte, gehen Sie;"" drängte die Baronin, „„denken Sie nicht an mich, eilen Sie zu dem Unglücklichen."" Der Geistliche erhob sich, zögerte aber noch immer; denn es war ihm nichts weniger als angenehm, in die ver eftende Nähe des Sterbenden zurückzukehren; als jedoch die Baronin ihre Bitte nochmals wiederholte, mußte er sich wohl entschließen , derselben zu entsprechen; doch schon auf der Thürschwelle trat ihm der Arzt entgegen. Erleichtert athmete Or. Hahn auf. „Wie geht es dem Herrn Baron?" „„Er hat vollendet,"" versetzte der Arzt und trat zur Baronin, um sie vom Ableben ihres Gemahls in Kenntniß zu setzen. Schluchzend, das Antlitz in beide Hände bergend, vernahm Antonia die Trauerbotschaft und lauschte dann willig den theilnehmenden Trostesworten der beiden anwesenden Dcctoren. „Ich muß den Herrn Doctor noch ersuchen, die Keßubah als Zeuge zu unterschreiben," sprach nach einiger Zeit, in der sich die Aufregung der Wittwe einigermaßen gelegt zu haben schien, der Geistliche. ,„Stehe ganz zu Ihren Diensten;"" lautete die verbindliche Antwort, „„doch es wundert mich eigentlich,"" wandte er sich an die Baronin, „„daß die gnädige Frau es nicht vorge-ogen haben, den Herrn Baron zur Abfassung eines Testaments zu bereden." " „Das war unmöglich," entgegnete die Baronin; „erst im Anblick des Todes hat er sich zur Eheschließung entschlossen. Zur Abfassung eines Testaments war er nicht zu bewegen. Doch hat das sicherlich nicht viel zu bedeuten; mein Kind wird der legitime Erbe seines Vaters sein." „„Ganz gewiß,"" bestätigte der Geistliche, „„obgleich ich durchaus nicht zweifle, daß die Familie des gottseligen Barons das Mögliche versuchen wird, die Giltigkeit seiner Ehe zu verdächtigen. Seien Frau Baronin in dieser Beziehung jedoch vollständig außer Sorge. Der Herr verläßt die Seinen nicht. Er ist der Wittwen und Waisen Hort, und nimmer w'rd es den Geldgierigen gelingen, Ihrem unschuldigen Kinde das Erbe seines Vaters zu entreißen; denn trotz der außergewöhnlichen Umstände, unter denen Ihre Ehe geschlossen worden, ist es mir doch gelungen, sie so zu schließen, daß kein Jurist der Welt die Giltigkeit derselben mit Erfolg wird anzweifeln können."" Die Baronin warf ihm einen dankbaren Blick zu, indem sie einige verbindliche Worte flüsterte. Der Arzt biß sich unmuthig auf die Lippen; er war sich bewußt, in dieser Angelegenheit ebenfalls das Seinige gethan zu haben, und nun schien der Geistliche sich allein den Erfolg vindiciren zu wollen. „Alles hängt davon ab," sprach er, „daß Frau Baronin Ihre jetzt doppelt kostbare Gesundheit wahren. Der vorzeitige Eintritt des Moments, den Sie erhoffen, dürfte Ihre Hoffnungen gänzlich zerstören. Mit allen Mitteln der Wissenschaft dem vorzubeugen, betrachte ich als meine heiligste Aufgabe." Er ergriff ihre Hand und drückte seine Finger leise an ihren Puls; Antonia erbleichte. „Die schmerzliche Aufregung des heutigen Tages," fuhr der Doctor kopfschüttelnd fort „ist nicht ganz spurlos vorübergegangen, und halte ich es dringend geboten, daß Frau Baronin der Ruhe pflegen. Darf ich mir erlauben, die Kammerzofe der Frau Baronin herbeizurufen?" Die Baronin ersuchte ihn, den Schellenzug in Bewegung zu setzen; der Geistliche war genöthigt, sich zu empfehlen und nachdem der Arzt noch ein calmirendes Medicament verschrieben, verließ auch er das Hotel Mosbach, machte es sich jedoch von da au zur Pflicht, zweimal täglich die Baronin zu besuchen, um für die Erhaltung ihrer Gesundheit nach besten Kräften Sorge zu tragen. Das Leichenbegängntß des Baron Mosbach war mit all' dem Pomp, der seinem aristokratischen Namen gebührte, celebrirt worden. Wütheten auch seine stolzen um ihr vermeintliches Erbe betrogenen Verwandten über die Mesalliance, die er im letzten Augenblick seines Lebens geschlossen, waren sie auch fest entschlossen, Alles aufzubieten, um die Ungiltigkeit derselben darzuthun, zum Grabe geleiteten ihn alle. Doch gleich am darauffolgenden Tage begann der Kampf. Es war zwar kein langer, doch ein hartnäckig erbitterter Kampf, die ersten Advocaten der Residenz standen einander gegenüber; doch der Dr. Hahn blieb im Rechte; kein Jurist war im Stande, die Ungiltigkeit der Ehe nachzuweisen. Antonia hatte das Glück, auch vom Gerichte sich als Baronin Mosbach anerkannt zu sehen. Wenige Tage darauf genas sie emes gesunden, kräftigen Töchterchens. Dr. Hahn, ihr treuer Berater, hatte es durchgesetzt, daß einer seiner besten Freunde, Commerzienrath Mühlheim, Vorsteher der israelitischen Gemeinde, zum Vormund der jungen Baronesse ernannt wurde. (Fortsetzung folgt.)