Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1876)
- Date
- 1876-06-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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524 sie doch betteln gehen; sie hat es an mir nicht besser verdient." „„Aber lieber Vater . . „Schweig! ich will weder von ihr noch von ihrem .... Sohne etwas hören!" „„Vater, Du bist doch sonst so gut, so wohlthätig „Schwelg! sage ich noch einmal, oder Du machst mich ernstlich böse." Theodor sah ein, daß er bei seinem Vater für die arme Wittwe nichts ausrichten würde; er schwieg. Am andern Tage war für das Geschäft etwas in H. zu besorgen. Theodor erbot sich zu der kleinen Reise und wurde denn auch von seinem Vater dorthin entsendet. Als er das Geschäftliche besorgt hatte, suchte er seine Verwandten dort auf. Rabbi Osch er war ziemlich erstaunt über den Besuch. „Weiß Dein Vater," fragte er „daß Du mich aufsuchen wolltest?" „Nein," annvortete Theodor, „ich komme in einer Angelegenheit, von der mein Vater nichts wissen darf. Philipp Hirschfelds Wittwe befindet sich in großer Noth; sie ist krank, schwach und ganz allein; ihr Sohn hat sie verlassen. Ich will für sie sorgen. Mein Vater gibt mir ein reiches Taschengeld, viel mehr, als ich brauche. Ich will fünfhundert Gulden für sie jährlich bezahlen, und da möchte ich Sie bitten, daß Sie dieselbe in Ihre Familie aufnehmen." „Du bist ein braver Junge," antwortete Herr Goldau, „und ich will Dir, vorausgesetzt, daß meine Frau nichts dagegen hat, gern' zu Willen sein; allein, Philipp Hirschfelbs Wittwe hat seit langer Zeit nicht jüdisch gelebt, und da fürchte ich, sie könnte meinen Kindern ein böses Beispiel geben." „„Freilich, sie müßte sich ganz den Sitten und Anschauungen des Hauses fügen."" „In diesem Falle bin ich bereit, sie in mein Haus zu nehmen." Frau Goldau, die gefragt wurde, hatte nichts dagegen. Vergnügt kehrte Theodor wieder nach F. zurück. Am andern Morgen, ehe er zur Börse ging, suchte er Frau Carolina auf. Sie stand an einem in-. Zimmer angebrachten Kochöfchen und kochte. „Frau Hirschfeld," sagte Theodor, „warum j haben Sie sich nicht ein Dienstmädchen verschafft, wie ich Sie doch darum gebeten hatte?" „Ach^" antwortete Frau Carolina, „ich konnte j kein jüdisches Mädchen haben, und da muß ich wohl selber kochen." j „„Wie, Frau Hirschfeld? Höre ich recht?! Reflektiren Sie auf jüdische Kost?"" „O, lieber Theodor, als ich so elend und verlassen war, ehe Sie sich meiner annahmen, da habe ich das Gelübde gethan, von meinen bösen Gewohnheiten zu lassen und wieder zu leben, wie meine Eltern gelebt haben." „ „Ich wünsche Ihnen Glück zu diesem Entschlüsse. Sie sollen sehen, Gott wird Sie nicht verlassen. Und nun habe ich Ihnen einen Vorschlag zu machen. In H. wohnt ein Verwandter von uns, Herr Goldau; ich kenne keinn besseren Mann. Er, seine Frau, seine Kinder sind edle, liebenswürdige, gebildete Menschen. Herr Goldau will Sie in sein Haus aufnehmen. Sie werden dort zur Familie gehören, sich, soweit es Ihnen beliebt, im Hause nützlich machen. Die Kosten bezahle ich. Sind Sie einverstanden? " ,,O, Theodor, Sie sind ein Engel von Gott zu meiner Hilfe gesand!" „„Wann wollen Sie nach H. übersiedeln?"" „Uebermorgen." „„Ich schreibe noch heute, damit man Ihnen Ihr Zimmer einrichte."" Es war an einem Donnerstage, als Frau Carolina in H. ankam. Herr Goldau und seine Frau holten sie am Bahnhofe ab und führten sie in ihr Haus, wo ein sehr hübsches Zimmer, nett, geräumig und freundlich für sie in Bereitschaft war. Bei diesen guten, einfachen und gebildeten Menschen fühlte sich Frau Carolina bald heimisch. Der Freitag-Abend, der Sabbat im trauten Familienkreise — Carolina hatte seit ihrer frühen Kindheit keinen solchen erlebt. „O Gott," betete sie, „allbarmherziger Vater, Du hast mich erhört zur Zeit der Noth und hast Dich mein erbarmt, o führe mir jetzt auch meinen Sohn, meinen Binjamin, wieder zu, damit er unter diesen edlen, frommen Menschen an Geist und Charakter erstarke." (Fortsetzung folgt) Hierzu drei Beilagen. Berautmonliche Redacuou: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlung tre.: eben 2 Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).