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Der Israelit · 1876-05-31 · Heft 22 (31.5.1876) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 22 (31.5.1876)
Date
1876-05-31
Page
– (sequence 20)
Language
German
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512 grause Gespenst unversorgten Alters grinste ihr entgegen. Und als sie nun händeringend an seinem Bette schluchzte, gewahrte sie plötzlich eine Aenderung in den zuckenden Bewegungen des Kranken. Er ward ruhiger und mühsam hoben sich die verschwollenen Augenlider, in athemloser Spannung neigte sie sich über ihn, ihre Augen begegneten einander; er hatte sie erkannt. „Toni," flüsterte er, gerührt in das b'.eiche Antlitz der Geliebten schauend. Sie preßte seine blatternbedeckte Hand an ihren Busen; ihre Thränen fielen darauf. „Gutes, treues Mädchen," flüsterte er, „Du liebst mich wahrhaft; wie kann ich Deine uneigennützige Liebe Dir vergelten?" '„„Sprich nicht von vergelten,"" rief sie, von Neuem in ein lautes Schluchzen ausbrechend, „„was soll mir Geld und Gut? wenn Du stirbst, sterbe ich auch."" Ein banger Seufzer hob seine Brust. „Toni," fuhr er nach einigen Augenblicken des Schweigens mit Anstrengung fort, „mein armes, treues Mädchen — wenn ich sterbe, bist Du ganz allein in der Welt — was soll aus Dir werden?" „„Nichts!"" schluchzte sie, „„nichts, ich überlebe Dich nimmer!"" „Ich muß Dich versorgen," fuhr er zu reden fort; „daß ich Dir nachgegeben hätte, als Du in mich drangst, Dich zu heirathen — dann hätte unser Kind meinen Namen und Alles — arme Toni! — armes Kind!" — „„Armes Kind! armes Kind!"" wiederholte sie jammernd, „„was soll aus dem Kinde werden, wenn wir beide nicht mehr sind? — Aber Karl."" fuhr sie, sich plötzlich aufrichtend, lebhaft fort, „ „wenn Du dem Kinde eine Existenz sichern willst, 's ist ja noch nicht zu spät!"" „Du meinst, ich sollte Testament machen — meine Verwandten würden es angreifen — Du müßtest Prozessoren —" ,,„Wer spricht von Testament?"" fiel sie ein, „„Du hast es soeben beklagt, daß wir nicht verheirathet sind, nun, schicke zum israelitischen Prediger, daß er uns traue."" „Geht nicht," stammelte er. „Du bist Christin." „„In zwei Stunden bin ich Jüdin und in dreien Deine Frau,"" rief sie, mit einemmale alle ihre Energie wiederfindend. „ „Das wird Dich beruhigen, theurer Karl, und unser Kind wird für alle Fälle versorgt sein." " Er winkte mit den Augen seine Zustimmung; zum Sprechen war er zu schwach. Antonia erhob sich hastig. „So eile ich, Alles zu besorgen, was zu Deiner Beruhigung dienen kann. Mein guter, theurer, einziger Karl! es wird gewiß noch Alles gut werden." Er winkte wiederum nur mit den Augen, seine Schwäche nahm sichtlich zu. Antonia gerieth von Neuem in Verzweiflung; der Boden brannte ihr unter den Füßen und doch wagte sie nicht, den Kranken in diesem Zustande dem Wärter allein zu überlassen. Zu ihrer unaussprechlichen Freute trat eben der Arzt in's Zimmer. Sie stürzte auf ihn zu, theilte ihm ihr und des Barons Vorhaben mit; beschwor ihn, nicht vom Bette des Sterbenden zu weichen und versprach reichen Lohn, wenn ihr Plan gelungen. Der Arzt betheuerte, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln die erlöschende Lebenskraft des Kranken zu unterstützen, doch mahnte er zur Eile. Antonia stürmte fort in rasender Eile; einen leichten Ueberwurf überwerfend, stürzte sie auf die Straße der nächsten Droschke zu. „Zum israelitischen Prediger l)r. Hahn," rief sie, „fahren Sie rasch! ich zahle zehnfache Taxe." Der Kutscher zögerte nicht; er hieb auf die Pferde ein, und in rasendem Galopp jagten die gereizten Thiere dahin. Antonia lehnte, einen Moment Ruhe suchend, in der Wagenecke; itzre Pulse flogen, ihr Herz klopfte, als wollte es zerspringen; hing doch ihre ganzL Zukunft von dem Gelingen ihres Vorhabens ab. Oftmals war sie den Baron angegangen, sie zu ehelichen. Doch in allem klebrigen ihre. Launen unterthan, hatte er sich hiezu bisher nie entschließen können, theils weil er das Verhältniß so reizender gefunden, theils aber auch, weil er den Hohn und den Spott seiner hochariftokratischen Familie gefürchtet. Doch nun, dem Tode nahe, verlassen von Allen, nur von der Geliebten nickt, nahm er ihre Thränen, die nur der eigenen, gefährdeten Zukunft galten, für den Ausdruck der innigsten, selbstlosesten Liebe, und Dankbarkeit für die, wie er wähnte, sich aufopfernde Treue mischte sich mit der Sorge für die Zukunft seines Kindes, das sie unter dem Herzen trug. Wenn sie nur früher die Möglichkeit einer Trauung auf dem Krankenbette in Erwägung gezogen hätte! — War es nicht vielleicht schon zu spät? — Sje preßte beide Hände an die wildklopfenden Schläfen, als könne sie so dem Toben ihrer Pulse Einhalt thun, bedurfte sie doch zur Ausführung ihres Vorhabens ihrer vollen klaren Geisteskraft. Der Wagen flog durch die Straßen; doch ihrer maßlosen Ungeduld erschien der Galopp der Pferde wie ein Schneckengang. Endlich hatte sie das Ziel erreicht, der Wagen hielt. „Wohnt hier vr. Hahn?" Der Kutscher wies auf das große

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