Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1876)
- Date
- 1876-05-31
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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511 ) eingetreten und von da ab, wo die Unterschiede zwischen den verschiedenen Religionsbekennern aufgehoben sind, hat auch das Motiv der Behörde nach der Religion eines Staatsangehörigen zu fragen, aufgehört. Ja, das Bekenntniß-Examen verliert ganz und gar seinen Boden, seitdem es sich zeigt, daß viele Neugeborne ungetanst bleiben, also gar nicht einmal in die bisher gebräuchliche Rubrik hineinzubringen sein werden. Unzweifelhaft ist dies ein Fortschritt, den kein Freund der Freiheit opfern möchte. So wenig es löblich ist, seine Religion zu verleugnen, so wenig erträglich ist es, sich darüber von der Polizei examiniren zu lassen. Der Zeitpunkt, wo dieses Examen ganz und gar aus allen amtlichen Rubriken verschwindet, wird gewiß den Bekenner» der jüdischen Religion, nicht minder wie andern Mitbürgern, ein willkommener sein. Nun kann aber dieser Zeitpunkt nur dann eintreten, wenn die Zwangssteuer jedes Juden an die Gemeinde von Staatswegen aufhört. So lange der Staat gegen jeden Juden wegen seines Beitrages zur Synagogen-Gemeinde Exekutor spielen muß, so lange ist auch jeder andere Staatsbürger unter Umständen genöthigt, sich über sein Religionsbekenntniß zu äußern. oder sich mindestens zu legitimiren, daß er nicht ein Jude ist! — Wir zweifeln nicht, daß dergleichen als eine Belästigung aller Staatsbürger empfunden werden wird, die man zu Gunsten der Herrn Machthaber in den jüdischen Gemeinden ganz gewiß nicht wird konserviren wollen. In der Abend-Ausgabe der National-Zeitung von 17. d. M. finden wir am Schluß eines Artikels über dieses Thema von Herrn Philippson eine Hoffnung ausgesprochen, die sich ganz sicher auch nicht bewähren wird und die wir schließlich als eine Sophisterei noch besonders abweisen müssen. Herr Ur. Philippfon spricht die Hoffnung aus, daß jetzt, wo die Majorität des Abgeordnetenhauses die evangelische Synodal-Ordnung angenommen hat, wonach der Parochial-Zwang fortbesteht, dieselbe Majorität auch den Steuerzwang für die Synagoge wird fortbestehen lassen, um die Juden nicht in Ausnahme-Stellung, zu bringen. Der Jrrthum in dieser Hoffnung liegt auf der Hand. Die Synodal-Ordnung hat eine Majorität gefunden, weil sie immerhin mehr dem Prinzip der Religionsfreiheit^entspricht lls die bestehende Konsistorial-Kirche. Man hat von zwei Uebeln offenbar das kleinere gewählt, um das größere zu beseitigen. Daß darum aber auch nur irgend ein Volksvertreter der ..Gleichheit " zu Liebe der „Freiheit" einen Schlag in's Gesicht versetzen und dem Staat Exekutor-Dienste aufbürden sollte für Beiträge zu Cultus-Einrichtungen, an welchen der Exekutirte nicht Theil nimmt, das ist eine phantastische Hoffnung, welche weder ein Freund noch ein Feind der Freiheit und der Gleichheit erfüllen wird. Feuilleton. Prosklytca. Von Friedrich Rott. II. In der Brlle Etage des mit äußerster Eleganz ausgestatteten Palais des Baron Mosbach lag der Eigenthümer desselben schwer erkrankt darnieder. Unheimliche Stille herrschte in den sonst so belebten Räumen; flüsternd verkehrte tie Dienerschaft in möglichst weiter Entfernung von dem Krankenzimmer, denn es waren die schwarzen Blattern. die den Baron befallen. Baron Mosbach, ein heiterer Lebemann, war noch immer Junggeselle trotz seiner fünfundvierzig Jahre. Zerfallen mit seiner ganzen Familie, lebte er nur seinen sogenannten noblen Passionen und seiner langjährigen Geliebten, der ehemaligen Schauspielerin Antonia Rossa. In furchtbaren Qualen wand sich der Kranke, die Gluth des Fiebers hatte ihn schon seit mehreren Tagen des Bewußtseins beraubt, und der Verzweiflung nahe, kniete Antonia an seinem Lager. Der Arzt halte ihr den muthmaßlichen Verlauf der Krankheit nicht verheimlicht, hatte sie auf die drohende Gefahr der Ansteckung wiederholt aufmerksam gemacht; doch sie hatte seiner Warnung nicht geachtet. Aufgelöst in Thränen lag sie am Krankenbette, das blasse, verstörte Gesicht in namenloser Spannung dem Fiebernden zugewendet, angstvoll nach einem Zeichen wiederkehrender Besinnung spähend. Doch trotz dieses augenscheinlich furchtbaren Schmerzes war es nicht Neigung, die Antonia dem Manne verband, mit dem sie seit nahezu zehn Jahren gelebt, der seit zehn Jahren ihren Launen Hundertrausende geopfert — aber wenn er nun sterben sollte, unvorbereitet, ohne ein Testament zu hinterlassen, was sollte aus ihr werden? Schauspielerin ohne Talent, ohne wirkliche Freunde, ohne Familie, die Blüthe der Jahre vorüber, an Arbeit nie gewöhnt, was konnte sie beginnen? ihre ganze Existenz war gefährdet, das