Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1876)
- Date
- 1876-05-31
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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513 blanke Mejsingschild, auf dem Name und Stand des Predigers in Riesenlettern prangten. Antonia sprang aus dem Wagen. „Warten!" gebot sie dem Rosselenker, und eilte die Stiegen hinan, die zu dem schmucken Häuschen führten. Sie zog die Glocke und, dem öffnenden Mädchen eine Guldennote in die Hand drückend, verlangte sie ungesäumt zu Herrn Dr. Hahn geführt zu werden; und trotz des strengen Verbotes ihrer Herrschaft , unangemeldete Fremde zum Hausherrn zu lassen, wagte es das dankbare Mädchen, die freigebige Dame unverzüglich zu ihm zu geleiten. yochwürden vr. Habn befand sich in seinem Studirzimmer, eben beschäftigt, eine äußerst gehaltvolle, rührende Grabrede zu memoriren, als ein hastiges Klopsen an die Zimmerthür ihn in seinen Studien unterbrach. Aergerlich über die unwillkommene Störung, rief er sein „Herein" nichts weniger als einladend; doch als er die hohe, imposante Gestalt der trotz ihrer fünfunddreißig Jahre noch immer schönen eleganten Dame erblickte, da schwand der momentane Ausdruck des Unwillens rasch aus seinem süßfreundlichen Antlitz und unter Kratzfüßen und Bücklingen führte er sie zum Kanapee und erflehte in unnachahmlicher Liebenswürdigkeit ihre Gewogenheit, ihm mitzutheilen, worin er ihr dienen könne. Antoni athmete tief auf; einen Moment schien es, als versagten ihr die Kräfte; doch, rasch sich ermannend, schilderte sie ihm mit glühenden Wangen und fliegendem Athem ihre drängende Lage und ihren Plan und beschwor ihn unter Thränen und Versprechungen, ihr und ihrem noch ungeborenen Kinde seinen mächtigen Beistand nicht zu versagen. Schweigend und in gebeugter Haltung hatte der Doctvr ihr zugehört; dann erhob er sich und, die hohe Stirn in tiefe Falten gezogen, durchmaß er knarrenden Schrittes das weite Gemach. Angstvoll folgten ihm Antonia's Blicke. Er schien es wahrzunehmen; denn als er in seiner Zimmerpromenade wieder an ihr vorüberkam, hielt er inne. „Ich würde mich glücklich schätzen, hochverehrtes Fräulein! Ihrem heiligen Vorhaben meine geringen Kräfte widmen zu können; doch läßt sich das nicht überstürzen, es gebraucht Zeit, zum mindesten einige Tage —" „„Dann wird der Bacon längst todt sein,"" stammelte Antonia, „„und ich werde eine Bettlerin sein,"" fügte sie bebend hinzu. „„Erbarmen, Herr Doctor! retten Sie mich und fordern Sie, was Sie wollen — hundert Dukaten — zweihundert — vierhundert —"" Der Doctor rieb sich die Stirn, der Lohn war verlockend — er überlegte — schwankte — und war entschlossen, ihn zu verdienen. „Sie sind also entschlossen, zum Judenthum überzutreten?" begann er nach einigen Minuten Erwägung. „„Ich glühe vor Verlangen, Jüdin zu werden,"" erwiderte Antonia hastig. „Und zu diesem Verlangen verleiten Sie keine unlautern Motive? Rur Liebe zu unserer heiligen Religion?" „„Nur Liebe zu Ihrer heiligen Religion,"" wiederholte die ehemalige Schauspielerin mechanisch. — „„Um Gotteswillen, Herr Doctor, eilen Sie!"" fügte sie flehend hinzu. „So will ich denn den außergewöhnlichen Verhältnissen Rechnung tragen, und indem ich voraussetze, daß Sie die Lehren der Religion, der Sie anzugehören wünschen, kennen und würdigen und stets befolgen werden, nehme ich Sie auf in den Bund Israels und erkläre Sie hiermit als Jüdin." Er verneigte sich leicht, trat dann zum Schreibtisch , schrieb in größter Eile einige Zeilen und überreichte ihr das Zeugniß ihres Uebertrittes zum Judenthum. „Und nun , verehrtes Fräulein ,. fahren wir spornstreichs zum Amt. Glücklicherweise ist gerade der Beamte, in dessen Reffort die Sache fällt, in inniger Freundschaft mir gewogen. Ich werde ihm die außerordentliche Dringlichkeit der Sache vorstellen und zweifle kaum, daß es mir gelingen wird, die Ehebewilligung, ohne welche ich die Trauung nicht vornehmen könnte, unverzüglich von ihm zu erlangen." Mit einer dem hochwürdigen Herrn ganz ungewohnten Hast bekleidete er sich mit Hut und Mantel und folgte der in brennender Ungeduld vorauseilenden Dame. Antonia sprang in den Wagen, der Doctor folgte ihr, nachdem er dem Kutscher bezeichnet, wohin er sie zu fahren habe, und in sausendem Galopp jagten die Pferde dahin. (Fortsetzung folgt.)