Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1876)
- Date
- 1876-05-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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„Ach, Herr, es war meine letzte Habe, zweitausend Gulden, die ich von der Sparkasse geholt und dem Schurken anvertraut hatte. Was soll ich thun, Herr Commissär, daß ich wieder zu meinem Gelde komme?" „ „Liebe Frau, da läßt sich gar nichts machen! Robert Heinzelmann ist seit länger als vierzehn Tagen mit Zurücklassung vieler Schulden verschwunden, spurlos verschwunden. Er wird steckbrieflich verfolgt, ohne daß bisher eine Nachricht über ihn eingelaufen wäre. Und selbst wenn er eingeliefert würde? Ich glaube kaum, daß er dann Geld mit zurückbringen würde. Gehen Sie nach Hause, gute Frau, und verschmerzen Sie Ihren Verlust." Als Carolina nach Hause kam, mußte Sie sich zu Bette legen und den Arzt rufen lassen. Sie verfiel in eine heftige, nervöse, typhusartige Krankheit. Während Binjamin in Straßburg als Kunstreiter glänzte und ein Leben der Lust, der Freude, des Triumphes führte, rang seine Mutter mit dem Tode. Aber noch sollte der Tod nicht ihren Leiden ein Ende machen. Sie genas wieder. Als sie sich soweit wieder erholt hatte, daß ste dasBett verlassen konnte, war ihr letzter Baarvorrath dahin. Sie mußte dasjenige von ihren Sachen, das sie entbehren konnte, in's Versatz-Amt tragen, um nicht hungern und frieren zu müssen. Jetzt erst *ernte Carolina die Bitterkeit der Noth und des Elends kennen. O, wie bereute sie setzt, daß sie einstens im Uebermuthe des Neichthums die Armen und Elenden unbarniherzig von ihrer Schwelle versagt hatte! Sie schrieb ihrem Bruder, erzählte ihren Verlust, schrieb von ihrer Krankheit, von ihrer Unfähigkeit zu arbeiten, und bat ihn, ihr jetzt das Asyl in ihrem Hause zu gewähren, das er ihr einst großmüthig angeboten hatte. Schon nach wenigen Tagen kam Antwort. Moses schickte eine Extragabe von 25 Gulden, bedauerte aber, seine Schwester jetzt nicht bei sich aufnehmen zu können, da seine Frau in jüngster Zeit kränklich geworden; auch könne er es seiner Frau nicht zumuthen, die Mutter des Knaben bei sich aufzunehmen, der so schnöde aus seinem Hause entwichen und ihnen dadurch so vielen Kummer bereitet habe. Von den fünfundzwanzig Gulden mußte Caroi lina sofort fünfzehn abgeben', um die rückständige i Zimm ermiethe zu bezahlen. Die noch übrigen zehn Gut- I den hielten nicht lange vor; es war ein absonderlich strenger Winter; es mußten Kohlen gekauft werden. Nach wenigen Tagen hatte Carolina nichts mehr; sie musterte ihre geringe Habe — es war nichts mehr da, was sie hätte versetzen können. Die einst so reiche, stolze Frau mußte sich entschließen zu betteln! O, was sie litt, als sie hinausging, um das Mitleid fremder Leute in Anspruch zu nehmen! ..Gott, mein Gott," sprach sie, „Du bist gerecht! Ich habe gesündigt!" Sie stellte* sich an eine Straßenecke und lehnte müde an eine Mauer. Viele Herren und Damen gingen vorüber; Carolina wagte es nicht, die Hand auszustrecken. Es war ein kalter, aber sonniger Wintertag. Zitternd vor Kälte stand die unglückliche, kaum genesene Frau in ihrer dünnen Kleidung an der Straßenecke; sie vermochte es nicht über sich zu bringen, die Hand auszustrecken; sie wäre lieber gestorben. Da kam ein feingekleideter, junger Herr des Weges. Er blieb stehen und betrachtete aufmerksam das Bild des Jammers an der Straßenecke. „Es kann nicht sein," sprach er vor sich hin, „und dennoch ist sie's. O, mußte es dahin kommen!" „Entschuldigen Sie," redete ec die Unglückliche an, „dürfte ich Sie bitten, mir Ihren Namen zu sagen?" „Ich heiße Carolina Hirschfeld," sprach die Bedauernswerthe zitternd. „„Sie sind wohl sehr arm?"" „Sehr! Arm und krank; ich wollte das Mitleid der Vorübergehenden anflehen; ich vermochte es nicht." Der Fremde erblaßte. „„Gott,"" sprach er, „„wie unrecht, wie unrecht, die Unglückliche so dem Elend preiszugeben! Wo wohnen Sie, Madame?" " „Müllergäßchen, Nr. 9." Der Fremde winkte eine Droschke herbei. „Steigen Sie ein, Madame," sagte er, „ich werde Sie in Ihre Wohnung begleiten." (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilugen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung I. Gottsleben's Buchdruckerei lMainzer Anzeiger).