Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1876)
- Date
- 1876-05-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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479 „Was schiltst Du die Lichtchen," entgegnete lächelnd die Mutter, „schilt lieber Deine eigene Ungeschick ichkeit!" „„Ach, ich bin doch sonst nicht so ungeschickt, aber diese miserable Chanukah-Lampe — „Sie stammt von Deinem Urgroßvater und darum ersuche ich Dich, lasse Papa nichts von Deinem Aerger über sie merken, es würde ihn verletzen." Hermine kräuselte spöttisch die Lippe. „..Es ist nicht die Lampe allein, worüber ich mich ärgere, es ist dieses ganze ärgerliche Fest, das mich jedesmal erröthen macht, wenn ich mir denke, daß man von der Straße aus die spärlichen Flämmchen gewahrt, die an unserm Fenster flackern."" „Und das genirt Dich?" „„Sehr, sehr; müssen wir denn unser Glaubensbekenntniß gerade an die Fenster schreiben?"" „Es ist eben eine alte jüdische Sitte." „„Ja, das ist es,"" rief das junge Mädchen erglühend; „,.o, über diese abscheulichen alten jüdischen Sitten, die aller Aefthetik Hohn sprechen und Herz und Gemüth verknöchern. Aber ich sehe in der That nicht ein, warum wir sie heute noch befolgen; wollen wir ein Fest begehen, was sollen uns diese elenden Flämmchen? Lasst uns einen Weihnachtsbaum anzünden!"" „Um Gotteswillen, Kind, was ficht Dich an?" rief die Mutter voll Schrecken, „wenn Papa Dich hörte." „„Was wär's? " versetzte Hermine, die Achseln zuckend, „„warum sollte mir denn ein prächtiger Weihnachtsbaum in strahlendem Lichterglanz nicht besser gefallen als die alte Lampe dort? Und wie schön ist es dort, wo ein solcher Weihnachtsbaum brennt, wo alle Familienglieder, alle Freunde und Bekannte durch Liebesgaben einander zu erfreuen streben! O, ich bitte Dich, Mama, lasst uns dieses Jahr auch einen anzünden."" „Bist Du bei Sinnen, Mädchen? Deinem Vater sollte ein Werhnachtsbaum in's Haus kommen?" „„Warum denn eigentlich nicht? Kohn's haben jedes Jahr einen Weihnachtsbaum, Levison's ebenfalls, Herz auch und überhaupt fast alle unsere Bekannten. Ich sehe also durchaus nicht ein —"" „St, st, Hermine, ich höre den Vater, lasst ihn um Gotteswillen keine solche Reden hören. Zünde die Gasflammen an und dann stelle die Chanukah- Lampe an's Fenster." Schmollend gehorchte das junge Mädchen und wollte dann hastig das Zimmer verlassen, u.n die ihr so verhaßten Lichtchen nicht brennen zu sehen, als der Vater in Begleitung eines Fremden ihr den Weg vertrat. „Minchen, wohin denn so eilig?" sprach Herr Werner, sie aufhaltend, „ich habe das Vergnügen, meine Tochter Dir vorzustellen," fügte er, an seinen Begleiter sich wendend, hinzu: „Ich hätte Sie auch ohne diese Vorstellung erkannt, mein Fräulein," erwiderte der Fremde, „Sie sehen Ihrem Bruder auffallend ähnlich." „„Meinem Bruder?"" versetzte Hermine, und ein eigenthümliches Zucken ihrer Mundwinkel verrieth. daß sie sich durch diese Aehnlichkeit eben nicht geschmeichelt fühlte. Der Fremde gewahrte es. „Sie dürfen stolz auf Ihren Bruder sein," fügte er hinzu „In der That. lieber Werner," wandte er sich an diesen, „Dein Sohn gehört zu den heutzutage so seltenen jungen Leuten, deren Gesinnungstüchtigkcit ihre Jugend vergessen macht." „„Komm hinein zu meiner Frau,"" sprach Werner, dessen Auge in Vaterfreude strahlte; „Du wirst ihr doppelt willkommen sein, wenn Du von unserm Jungen so sprichst."" Die Herren traten in's Zimmer, die Dame des Hauses begrüßte sie austs Herzlichste. „Mein Freund Müller aus W.," stellte Werner seinen Begleiter vor. . „„Seien Sie herzlichft willkommen; Sie waren so überaus freundlich gegen unfern Sohn, ich hatte mir längst Ihre persönliche Bekanntschaft gewünscht."" „Kann's bezeugen," fiel Werner ein. „Doch lasst mich nun anzünden, und dann wollen wir gemeinschaftlich den Müller anpumpen, daß er uns von unserm Leo erzählen muß." Er trat zum Fenster, sprach den Segen über die Lichter und nacheinander flammten sie empor. Dann durchschritt er. die Hände auf dem Rücken übereinander gelegt, singend das Zimmer. Es war die alte Siegeshymne. Müller stimmte mit ein. Als sie geendet, setzten sich Alle zu Tische; Hermine trug das Kaffee- Geschirr herein und füllte die Tassen mit dem duftenden Trank, und Müller erzählte den lauschenden Eltern von dem fernen Sohne. „Ach, daß wir den guten Jungen bei uns hätten," seufzte Frau Werner; „es ist wirklich eine Uebertriebenheit von Dir, Werner, daß Du darauf bestanden, ihn in die Fremde zu geben. Die hiesigen Bildungsanstalten sind vorzüglich, das hört man allgemein." „„Aber die städtischen Bildungsanstalten allein können doch uns Juden nicht genügen, wenn wir nämlich in unfern Kindern wirklich Juden sehen wollen."" „Existirt denn hier keine jüdische Religions- Schule?" fragte Müller. Werner zuckte die Achseln. „„Eine Schule,