Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1876)
- Date
- 1876-05-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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480 die israelitische Religionsschule genannt wird, existirt hier allerdings, aber was darin gelehrt wird, ist so wenig jüdische Religion als es türkische ist."" ..Werner, Werner, jetzt gehst Du aber doch zu weit." „„Nicht im Mindesten; wird denn in der jüdischen Schule vielleicht mehr gelehrt als Hebräisch lesen? und das kann man doch füglich nicht als unsere Religion betrachten. Würden es unsere Verhältnisse irgend gestatten, ich hätte einen tüchtigen jüdischen Lehrer m's Haus genommen und unfern Sohn in eine städtische Anstalt geschickt; aber, wie gesagt, das ist mir leider unmöglich und so blieb mir denn nichts Anderes übrig, als ihn zu meinem Schwager nach W. zu schicken, wo er, wie Dir bekannt sein wird, die Handelsschule besucht und von einem tüchtigen Talmudisten unterrichtet wird."" „Und zwar mit dem besten Erfolg," fügte Müller hinzu. Die Unterhaltung gerieth für einige Augenblicke in's Stocken; Hermine war plötzlich von einem heftigen Husten befallen worden. „Was ist Dir, Kind?" fragte besorgt der Vater, „hast Du Dich erkältet?" „„Nein, mein Papa, es ist nur der schreckliche Oelqualm, den die Chanukah-Lichter verbreiten, der mich zum Husten reizt; ick muß auf ein Weilchen in frische Luft,"" und noch immer mitOstentation hüstelnd, verließ sie das Zimmer. Müller blickte ihr überrascht nach; er war nicht im Stande, in dem hohen geräumigen Zimmer auch nur eine Spur von Qualm wahrzunehmen. „Wo hat denn Deine Tochter Religionsunterricht genossen?" fragte er im weitern Verlauf des Gesprächs. „„Meine Tochter?"" wiederholte Werner. „ „na, für Mädchen ist die hiesige Religionsschule denn doch wohl hinreichend "" „Nach der Schilderung, die Du vorhin von derselben entworfen, hätte ich das nicht erwarbt; ich glaubte, es würde dort wenig mehr als Hebräisch lesen, was die Leute gewöhnlich „beten" nennen, gelehrt." „„Und ist das für Mädchen vielleicht nicht vollkommen genügend? haben unsere Mütter, Großmütter und Urgroßmütter vielleicht mehr gelernt? ganz gewiß nicht, und doch waren sie brave, ernst fromme Jüdinnen, und werde ich ganz zufrieden sein, wenn meine Tochter ihnen gleicht."" „Aber wie kannst Du erwarten, daß Deine Tochter ihnen gleichen wird, wenn ihr ganzer Religionsunterricht sich auf Hebräisch lesen' beschränkt hat?" „„Und ich frage Dich noch einmal, hat man die Mädchen je mehr gelehrt?"" „Mag sein, daß sie gewöhnlich nicht mehr gelernt haben; aber gewußt haben unsere Mütter und Großmütter sicherlich weit mehr. Du vergissest, lieber Werner, daß die Zeiten sich geändert, daß das, was ehemals vollkommen ausreichte, heute als Nichts verschwindet. Ja, ehemals, als unsere Töchter sowohl im Hause als in ihrer weitern Umgebung unsere heiligen Gebote nur als solche schätzen und halten sahen, da genügte es freilich, wenn sie im Unterricht nur unsere Gebete kennen lernten. Doch heute, im Verkehr mit Nichtjuden und was weit ärger ist. im Verkehr mit Alles nivellirenden Glaubensgenossen, da — " „„Du übersiehst, bester Freund,"" fiel Werner ein, „„daß meine Tochter in meinem Hause auch nichts Unrechtes vor sich sieht."" Müller zuckte die Achseln; sein Blick streifte unwillkürlich das unbedeckte Haar der Hausfrau. „Das genügt nicht, genügt durchaus nicht," wiederholte er, „Du wirst Deiner Tochter nicht jeden Umgang mit Altersgenossen verbieten, kannst sie nicht ausschließlich auf Dein Haus beschränken, und was sie außerhalb desselben sehen wird — Du selbst hast mir doch wiederholt geklagt, daß Du hier im Orte fast der einzige fromme Jude bist." „„Das ist freilich leider nur allzuwahr; doch ich fürchte nicht, daß dieser Umstand auf die religiöse Gesinnung meiner Tochter von nachtheiligem Einfluß sein wird"" „Ich halte es für meine Pflicht, Dir zu widersprechen. In unfern Verhältnissen ist es durchaus nicht genügend, nur aus Gewohnheit Jude oder Jüdin zu sein. Wer es nicht aus Überzeugung ist, wird überhaupt bald aufgehört haben, es zu sein. In Wirklichkeit bist Du ja selbst meiner Ansicht, sonst würdest Du sicherlich nicht so bedeutende Opfer bringen, um Deinen Sohn unterrichten zu lassen." „„Ja, für Knaben ist das unerläßlich; Unwissenheit in religiösen Angelegenheiten ist für Knaben eine wirkliche Gefahr."" „Und für Mädchen etwa nicht? Zugegeben, daß das religiöse Wissen des Mannes umfassender sein soll als das der Fiwu, wirkliche Unwissenheit ist jedoch beiden gleich gefährlich. Sage mir, könntest Du Dir wohl einen Mann denken, der allen seinen Pflichten genügt, während dessen Frau in Erfüllung der ihren laß wäre? Doch gewiß nicht. Aber sehr wohl könnte die Frau allen ihren Pflichten genügen, selbst wenn der Mann sich über Alles hinwegsetzen würde. Rechne nun hinzu noch den Einfluß unserer Mädchen auf die Erziehung des künftigen Geschlechts und Du wirst sicherlich Deine vorige Behauptung nicht aufrecht erhalten wollen."