Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1876)
- Date
- 1876-05-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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476 „Ja," entgegnete Heinzelmann, „Dir gefügt es, die Früchte meines Fleißes zu genießen, der schönen Juwelen Dich zu freuen, die ich Dir an guten Börsentagen mit nach Hause bringe. Du kennst nicht den Reiz des Gelderwerbs, Du bist im Reichthum geboren und erzogen. „Wer nie sein Brod in Thränen aß, wer nie die kummervollen Nächte, an seinem Bette trauernd saß, der kennt euch nicht, ihr finstern Mächte." Der Kaffee war getrunken, der Kuchen verzehrt. Herr Heinzelmann forderte Carolina auf, sein schönes Haus in Augenschein zu nehmen. Es war wirklich ein schönes Haus, zu groß für eine Familie, die nur auS zwei Personen bestand. „„Warum vermiethen Sie nicht?"" fragte Carolina. „Sollt' ich mir selbst bereiten solche Qual!" citirte Heinzelmarn. „Was ich an Miethe einnehmen würde, das kann ich an einem Tage an der Börse verdienen. Oben sind unsre Wohnräume, im zweiten Stock unsre Geseüschaftsräume, wenn wir Einladungen geben, bei denen Sie, theure Freundin, hoffentlich nicht fehlen werden. Unten sind die Geschäftsräume." „„Aber es ist so einsam hier, so fern von der Stadt! Wenn Diebe einbrechen würden!" „Kommen Sie, liebe Freundin; ich führe Sie hinunter in's Comptoir. „Und kömmst Du mir aufs Comptoir, so mach' ich Dir den Standpunkt klar!" Sehen Sie" sagte er eintretend — „diesen Cassaschrank neuester Construction, Diebes- und Feuer-fest? Er liegt ganz voll mit Werthpapieren, circa ^eine Million! Kein Dieb kann ihn öffnen, kein Feuer den Inhalt verzehren. „Wohlthätig ist des Feuers Macht, wenn sie der Mensch bewahrt, bewacht; doch wehe, wenn sie losgelassen" — setzt aber hat sie ihre Schrecken verloren, seitdem die feuerfesten Geldschränke erfunden worden sind!" Carolina empfahl sich, ganz voll von den Eindrücken, die sie in sich ausgenommen. In der darauffolgenden Nacht floh der Schlaf ihre Augen. Immerwährend malte sie sich aus, wie die ihr gebliebenen 2000 Gulden eine Quelle großen Reichthums für sie werden könnten; dann wäre sie im Stande, ihren Sohn durch die Zeitungen auffordern zu lassen, zu ihr zurückzukehren. Vielleicht konnte sie gar ihren Lieblcngswunsch, Binjamin als schmucken Reiteroffizier zu sehen, realisiren. Kein Zweifel an der Redlichkeit, an dem soliden Reichthume ihres Jugendfreundes fand Raum in ihrem bethörten Herzen. Am andern Morgen ging sie, sobald die Büreau-Stunde angebrochen war, um ihr Geld von der Sparkasse zu erheben. Dann nahm sie eine Droschke und fuhr nach der Friedberger Anlage. „Ei, ei" rief ihr Heinzelmann entgegen, als sie in dessen Comptoire trat, „nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide, einsam und losgetrennt von jeder Freude!" Was führt Sie schon in aller Frühe zu mir, theure Carolina?" „Robertsagte sie, „ich will Ihnen mein kleines Vermögen anvertrauen, damit Sie es so verwerthen, wie Sie gestern gesagt haben." Ein Blitz der Freude flog über Heinzelmanns Angesicht; doch bezwang er sich schnell und sagte ruhig: „Carolina, theure Freundin, holde Gefährtin meiner nur zu rasch enteilten Jugend, haben Sie auch bedacht, was Sie da thun wollen? „Drum prüfe, wer sich ewig bindet!" Wenn ich Ihnen nun mit dem Gelde durchgehe? Ha, ha, ha!" Auch Carolina lachte. „„Und Ihr Haus, und Ihr Cassa-Schrank?"" fragte sie. „Freilich — „dies Alles ist mir unterthänig, gestehe, daß ich glücklich bin!" Carolina seufzte. „„Ja, Sie sind glücklich," sagte sie. „Und ich, ich bin es gewesen!"" „Du holst es jetzt wohl Dir zurück, das längst entschwundne, frohe Glück!" Seien Sie ruhig, Carolina, ich werde Ihnen bald erfreuliche Nachrichten bringen." Carolina zählte das Geld auf und erhielt einen Empfangschein. „Wollen Sie meiner lieben Frau nicht guten Morgen sagen?" fragte Heinzelmann. „„Nein,"" entgegnete Carolina, „„heute nicht, die Droschke wartet."" „Vielleicht werden Sie bald wieder in eigener Equipage fahren!" Carolina fuhr nach Hause; aber sie konnte nicht arbeiten; Träume wiedergekehrten Glückes umschwebten sie, nahmen sie ganz in Anspruch.^ (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).