Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1876)
- Date
- 1876-05-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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475 trat ihr eine elegant, doch einfach gekleidete junge Dame entgegen. „Frau Hirschfeld?" fragte die Dame, und als Carolina bejahend sich verneigte, da reichte sie ihr freundlich die Hand. „Seien Sie mir herzlich willkommen. Mein Mann hat mir erzählt, daß wir Sie erwarten dürften. Das ist recht lieb von Ihnen, daß Sie Wort gehalten haben. Legen Sie gütigst ab und treten Sie näher." Frau Carolina that, wie ihr geheißen, und folgte dann der vorangehenden Dame in ein reich ausgestattetes Wohnzimmer. „Plaudern wir ein wenig!" sagte Frau Heinzelmann, „mein Mann wird gleich kommen." Sie setzte sich auf das Sopha und lud den Besuch ein, neben ihr Platz zu nehmen. Da trat von der andern Seite Herr Heinzelmann ein, mit einem türkischen Schlafrock angethan. „Carolina," rief er, „da sind Sie ja. Sie erlauben doch, daß ich Sie bei Ihrem Vornamen nenne? Meine liebe Frau, Johanna heißt sie, — „o Herr, Johanna nennt man mich" — wird nichts dagegen haben. Sie kennt unsere früheren Beziehungen. „Kein Geheimniß trat je störend zwischen uns." Doch, liebe Frau, ich denke wir verfügen uns gleich in's Speisezimmer und nehmen den Kaffee." Frau Heinzelmann öffnete die Flügelthüren, und die Gesellschaft trat in ein anderes schönes Zimmer. Der Tisch war gedeckt und bot einen einladenden Anblick. Man nahm Platz. Ein Mädchen erschien, servirte den Kaffee und reichte den Kuchen herum. So wohl und behaglich wie jetzt, hatte sich Frau Carolina seit dem Zusammenstürze ihres Glückes nicht gefühlt. „Ich bin Ihnen noch," nahm Heinzelmann das Wort, „die Erzählung meiner Schicksale schuldig; sie sind bald erzählt. Auch ich wurde den Brettern untreu, die da die Welt bedeuten. Ich sioh die schöne Welt des Scheines. , Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst." Ich sagte der heiteren Kunst Lebewohl und widmete mich dem Ernste des Lebens. In Hamburg verließ ich die Bühne und trat als Commis in ein Bankgeschäft; ich war fleißig, solide, pflichttreu. Bald erhielt ich einen anständigen Gehalt und ersparte mir etwas. Zehn Jahre blieb ich in dem Geschäfte; dann kam ich als Procurist in ein hiesiges großes Haus, heirathete die Tochter meines Prinzipals und gründete mir den eigenen Herd. „O, dreimal glücklich, wem die Götter ein eigenes Heim beschieden!" Und nun, liebe Freundin, erzählen auch Sie uns ausführlich, wie es Ihnen ergangen." Carolina erzählte. Als sie vollendet hatte, fragte Herr Heinzelmann: ..Und haben Sie von einem so großen Vermögen nicht einzelne Trümmer retten können?" „„Ich besitze noch zweitausend Gulden."" „Und wo haben Sie diese angelegt?" „„In der Sparkasse."" „ O sancta simplicitas , o heilige Einfalt! Heutzutage soll man sein Geld zu drei Prozent anlegen! Wissen Sie, daß man von dem Ertrage von zweitausend Gulden leben kann, wenn man es nur gut anzulegen versteht, ja, daß man die Summe in kurzer Zeit verdoppeln, vervierfachen kann?" „„Nein, davon habe ich keine Vorstellung."" „Es löst der Schnee sich von des Berges Spitze, und rollt und wird zur mächtigen Lawine." Haben Sie schon von der Börse gehört?" „„Gewiß."" „Das ist das segensreichste Institut unseres Jahrhunderts. Da gewinnt man das Geld mir leichter Mühe, und das Vermögen wächst „wie der Bäume gigantische Schatten." „„Ja, man kann aber auch verlieren!"" „Wohl wahr, doch passirt das gewandten, klugen Leuten nicht. Wer das rechte Verftändniß hat, der kann nur gewinnen. „O öffne Deiner Ohren Pforten, vergönne Eingang meinen Worten " Ich will das genau erklären. G^ht die Strömung nach oben, so kauft man eine Anzahl Papiere, und verkauft sie wieder, wenn der Preis derselben geftiegen? Geht die Strömung nach unten, so verkauft man und kauft erst zurück — deckt sich, nennt man das— wenn der Preis tüchtig heruntergegangen ist. Finden keine bedeutende Variationen statt, so läßt man prolongiren. So kann man von medio bis ultimo und von ultimo bis medio, alle vierzehn Tage, sich einen sichern Gewinn verschaffen." „„Um aber so viele Papiere zu kaufen, dazu bedarf es doch bedeutender Capitalien." " „O heilige Einfalt! Man kauft die Papiere ja nicht wirklich, man fixt sie nur und läßt sich die Differenzen ausbezahlen." „Lieber Mann," sagte jetzt Frau Heinzelmann, „Du langweilst uns mit Deinen geschäftlichen Auseinandersetzungen. Ich bitte Dich, was wissen wir Damen von den Geheimnissen der Börse?"