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Der Israelit · 1876-05-17 · Heft 20 (17.5.1876) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 20 (17.5.1876)
Date
1876-05-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
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451 Feuilleton. Wider aus dem alten Prager Ghetto. Erzählungen von S. Kohn, Verf. des „Gabriel" (Schluß.) Wodolka konnte aus vielen Gründen nicht weiter sprechen, erstens hatte Die schöne, wahrhaft gelungene und, wie die nächste Folge lehren wird, mit höchstem Beifall aufgenommene Rede seine Kräfte vollständig absorbirt; zweitens stürzten ihm die Thränen aus den Augen, und er hätte für alle Schätze Mexikv's und Peru's kein verständliches Wort weiter herausbringen können: drittens und hauptsächlich aber, weil er von Budweiser heftig unterbrochen wurde; dieser griff sich, nachdem er einen Blick in die Adoptivsurkunde geworfen, mit beiden Händen an den Kopf, um sich zu überzeugen, daß er wirklich wache, daß das, was er sehe und höre, nicht ein Traumbild wahnbefangener Sinne sei, dann stürzte er vor Freude wie wahnsinnig auf Wodolka zu. Der sonst ruhige, besonnene, überlegte Mann war wonneberauscht, plötzlich unerwartet das sehnlichste Ziel seiner Wünsche erreicht — d a Hilfe gefunden zu haben, wo er sie am allerwenigsten erwartete, das war zu vielt Er drückte den ehemaligen Schneider an sein Herz, küßte ihn auf beide Backen, daß es nur so weithin knallte, und wollte offenbar sagen, „theuerster, bester Freund!" aber in seiner Verwirrung und geistigen Trunkenheit, wohl auch unter dem Eindrücke langjähriger Gewohnheit, rief er entzückt: „Mensch! Schneider! Untam! das hättest Du für mein Kind gethan? wie kann ich Dir das danken?!^— d as kann Dir nur Gott lohnen!" und . . . plötzlich erschrak Budweiser, „nit schlecht!" rief er, „da hätt' ich bald — Gott soll mir's mochel sein — hatow wehametiw *) zu sprechen vergessen! Nun!" schrie er freudig seiner Frau und Tochter zu, „Ihr könnt wahrhaftig die Broche von ganzem Herzen mitsagen!" — und Budweiser, der starke Mann, weinte wie ein kleines Kind. Bele hatte gar nicht auf das Signal gewartet und hielt das Tuch vor den thränenden Augen. Der cidevant Schneider war so ergriffen, daß er unanständig heulte, als wenn er als kleiner Knabe bei unerlaubtem Steckrübenbraten vom gestrengen Rebbe in üagranti betroffen worden wäre, und die beiden Rakonitz, die beiden ruchlosen Verschwörer — sie verdienen ja keine andere Bezeichnung, da sie wochenlang mit Wodolka complottirten und die ganze Sache vor Budweiser in tiefstem Geheimniß hielten — schlossen sich eben der allgemeinen Rührung vollständig an. Einige Minuten lang hörte man nichts als tiefes Athemholen und unterdrück- I tes Schluchzen. Simon hatte die allgemeine Verwirrung glücklich und geschickt benützt und hatte — wie er glaubte — unbemerkt seine Braut umarmt . . . Endlich hatte sich Wodolka, auf den sich das Interesse des keinen Kreises concentrirt hatte, gesammelt; er trat wieder an Budweiser heran und frug zögernd und höchst verschämt: „Du . . . Reb Mosche . . . und die Meßire . . . bist Du mir sie mochel? ... Es hat mir schier das Herz abgedrückt ... ich Hab' seit dem Tag nicht essen, nicht trinken, nicht schlafen können ... bis ... ich Deinen Sohn zu meinem gemacht Hab', also," frug er dringender, „bist Du mir's mochel?" „Mit Kinjan und Minjan!" entgegnete Budweiser urplötzlich, unwillkürlich auf eine veraltete Ausdrucksweise zurückgreifend, und die dargebotene Hand Jakows kräftig drückend; einen Augenblick darauf überzog aber ein so verjüngendes Lachen Budweisers ehrlich' Gesicht, und bald tönte dies auch so voll und gewaltig aus seiner breiten gewölbten Brust, daß Alle erstaunt auf ihn blickten, und Alles im Zimmer, die Hänglampe nicht ausgenommen , vor vergnügter Erschütterung erzitterte. „Bechai Roschi!" schrie er, „das Wort Hab' ich nicht gebraucht seit. . . seit wann, meinst Du?" „Chidos^) zu derrothen. Hab' ich nie .getroffen ... un jetzt steht mir gar nit der Kopf darauf!" „Seit . . . seit der Meiße mit dem Lekechmann" — und eine neue Lachsalve durchzitterte die Stube. „Den mußt Du mir auch mochel sein!" schrie Jakow, der sich von der Heiterkeit seines früheren Gegners höchst angenehm berührt und angesteckt fühlte, Und zu einem völligen Spaßvogel ausartete. „Den auch," lachte Budweiser, sich mit beiden Händen den Bauch haltend. „Dann," fuhr Jakow mit gelungenem Humor fort, „die Baul, was ich Dir als Kind mit dem Stein, was e Ball hätt' vorstellen sollen, geschlagen Hab'!" Budweiser nickte nur mit dem Kopfe, denn vor Freude und vor Lachen konnte er kein Wort sprechen. „Dann die beschütteten Jontowkleider. oder hast Du sie noch? es sind ja erst vierundfünfzig Jahre, ich könnt' in mein' Werkstatt die 1) SegenSspruch bei Empfang einer guten Nachricht. 2) Räthsel.

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