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Der Israelit · 1876-05-17 · Heft 20 (17.5.1876) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 20 (17.5.1876)
Date
1876-05-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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448 geworden; allein nie werde ich jene schöne Zeit vergessen, da wir gewesen „zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Herzen und ein Schlag!" „Ach, die Zeit ist hingeflogen, die Erinnerung weichet nie, wie ein lichter Regenbogen, steht auf trüben Wolken sie." Sie erlauben, daß ich mich setze?"" Er nahm einen Stuhl und setzte sich. „„Wie lange ist es her,"" fuhr er dann zu reden fort, „daß wir uns getrennt haben? Ich glaube, es sind bald zwanzig Jahre. Wie die Zeit verfliegt. — „Adlerschwingen hat die Zeit!" Wie Sie aussehcn, Carolina? „Des Volkes Tochter, arme Bettlerin!" Der Kummer um Ihre verlorenen Reichthümer scheint Ihnen arg mitgesvielt zu haben. Sie vergeben mir doch, daß ich Sie einst verlassen? „Der Siege göttlichster ist das Vergeben!"" „Ich habe Ihnen längst verziehen. Wieso kömmt es, daß Sie mich aufsuchen. Wie erfuhren Sie meine Adresse?" „„In der Hemdenfabrik von Kullmann Söhne; ich habe für Herrn Kullmann Börsengeschäfte besorgt; ich bin jetzt Fondshändler, Ban'quier. Als ich gestern bei ihm war, kamen Sie, um Hemden abzuliefern; ich erkannte Sie nicht. Als Sie fortgegangen waren, rrzähltr mir Herr Kullmann Ihre merkwürdigen Schicksale und da er dabei ihres ehemaligen Namens Carolina Grünblatt erwähnte und sagte, daß Sie einst Schauspielerin gewesen, da fiels wie Schuppen mir von den Augen, und „herrlich in der Schönheit Prangen sah ich — in der Erinnerung nämlich — die Jungfrau vor mir stehn."" Er sah nach der Uhr. „„Ich muß jetzt gehn; aber wir haben uns noch viel zu erzählen; ich wohne in der Friedberger Anlage, Nr. 19. Da nehmen Sie meine Karte, damit Sie es nicht vergessen. Besuchen Sie mich morgen Nachmittag — es ist ja Sonntag morgen — zu einer Tasse Kaffee. Meine Frau wird sich freuen, Sie kennen zu lernen."" „Sie sind verheirathet?" „„Ich habe meinen Nacken gebeugt unter das Joch der Ehe. „Man sagt, die Ehe sei ein Uebel, ein unerträglich hartes Joch; mir deucht sie gleiche einer Zwiebel; man weint dabei und ißt sie doch." Also, Sie kommen morgen? Sie müssen es mir versprechen!"" „Ich werde kommen." „„So leben Sie wohl. „Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften." " Heinzelmann ging. Carolina konnte die Nadel nicht wieder zur Hand nehmen; sie war im höchsten Grade aufgeregt. Diesem fadem Lasten zu Liebe, der mit seinen, oU übel genug angebrachten, ewigen Citaten den Zuhörer zur Verzweiflung bringen konnte, war sie vom Pfade der Tugend abgewichen! Wie hatte sie einst diese Citate bewundert, welch' eine Fülle von Wissen und Bildung hatte sie in dem Manne vorausgesetzt, welchem die Worte der Dichter so zu Gebote standen! Jetzt erschien er ihr so abgeschmackt, so einfältig! Und dennoch war es ihr lieb, daß sie die Bekanntschaft mit ihm erneuern konnte. Brachte das doch ein wenig Abwechselung in ihr einförmiges Leben. Und hUte er nicht gesagt, er sei Fondshändler, Banquier? Wohnte er doch in einer der nobelsten Gegenden der reichen Stadt! Jedenfalls war er wohlhabend, und da war es gut, für den Fall der Noth Jemanden zu kennen, der aushelfen konnte. Ihr Bruder unterstützte sie zwar; er schickte ihr von Vierteljahr zu Vierteljahr zehn Gulden, eine bedeutende Summe für den in kleinlichen Verhältnissen lebenden Mann; aber selbst für Frau Carolina's bescheidene Bedürfnisse war es sehr, sehr wenig. Und wenn sie krank würde und nicht arbeiten könnte? Da müßte sie ihr Capital angreifen. Und wenn das aufgezehrt sein würde? Ihr Kopf schmerzte. „Nein," sagte sie, „das kann, das darf nicht sein. Jedenfalls darf ich die Freundschaft eines wohlhabenden Mannes nicht gering anschlagen." Zu ihrem Erstaunen sah Frau Müller am andern Nachmittage, wie Frau Hirschfeld, mit ihren besten Kleidern angethan, sich zu einem Ausgange anschickte. „Die Ungläubige," dachte sie, „scheint sich doch bekehrt zu haben. Sie will den Sonntag feiern!" Der alten Frau war es schon wieder entfallen, daß Frau Carolina eine Jüdin war, die der Sonntag nichts anging. Diese aber begab sich durch viele Gassen und Straßen, bis sie nach der Friedberger Anlage kam und an dem schönen und stattlichen Hause Nr. 19 die Schelle zog. (Forts, folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Rcdaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung I. Gottsleben'8 Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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