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Der Israelit · 1876-05-17 · Heft 20 (17.5.1876) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 20 (17.5.1876)
Date
1876-05-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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447 Feuilleton. pinjamin. XII. Frau Hirschfeld hatte sich in F. in einem entlegenen Gäßchen ein Zimmer im dritten Stock eines großen, alten Hauses gemiethet. Die Summe, die ihr von ihrem ehemaligen Reichthume geblieben, hatte sie in*ver Sparkasse angelegt und hatte jährlich sechzig Gulden Zinsen zu erwarten; das reichte gerade für die Miethe ihres Zimmerchens aus; was sie sonst noch brauchte, mußte sie sich durch ihrer Hände Arbeit verdienen. Sie hatte für eine Hemdenfabrik Arbeit übernommen und nähte eisiig Tag für Tag. Trotzdem mußte sie sich manchmal das Nöthigste versagen. In demselben Hause wohnte ein altes Mütterchen, Frau Müller. Diese hatte Kinder in America, welche der alten Mutter so viel schickten, daß sie ihre geringen Bedürfnisse davon befriedigen konnte. Frau Müller bewunderte den Fleiß ihrer Nachbarin und suchte ihr, so viel als möglich, gefällig zu sein. „Aber, Frau Hirschfeld," sagte sie einst, „Sie arbeiten Tag für Tag, wie wenn eS keinen Sonntag in der Welt gäbe! Am Sonntage sollten Sie sich doch Ruhe und Erholung gönnen." „„Ich kann nicht, Frau Müller, sonst müßte ich darben."" „Ach was, der liebe Gott bescheert das wieder in anderer Weise, wenn man den Tag des Herrn heiligt. Versuchen Sie eS nur einmal, und gehen Sie Sonntags spazieren statt zu arbeiten, nur zwei Stunden am Sonntag Nachmittag." Frau Carolina lächelte. „„Ich bin Jüdin,"" sagte sie, „„und da müßte ich von Freitag Abends bis Samstag Abend ruhen, wenn ich die Vorschriften meiner Religion halten wollte."" „Und warum thuen Sie es nicht? Jeder Mensch muß seine Religion halten. Glauben Sie . . . ." „„Ich glaube gar nichts."" Frau Müller schwieg; sie zog sich von jetzt an von der Glaubenslosen zurück und erwiederte ihren Gruß kaum, wenn sie ihr begegnete. Eines Tages saß Carolina — es war an einem Sabbat — in ihrem Zimmer und nähte eifrig. Sie gedachte ihres Sohnes. Wo mochte er jetzt fein? War er gesund? Würde sie ihn jemals wieder sehen? Eine unnennbare Sehnsucht nach ihrem einzigen Kinde erfaßte sie. So hatten sich vielleicht ihre Eltern einst nach ihr gesehnt. War eS nicht eine strafende Gerechtigkeit, die sie mit gleichem Maaße büßen ließ, was sie einst verschuldet hatte? Wie sie in die Welt gelaufen war und dadurch ihren Eltern unendlichen Kummer bereitet hatte, so war auch jetzt ihr Kind entlaufen ohne Kunde von sich zu geben. Der Schmerz übermannte sie; dabei stach sie sich in den Finger, daß das Blut hervorquoll. „Das ist eine schlimme Vorbedeutung," sprach sie, das Blut trocknend. Diese Frau glaubte nicht; aber sie war voll Aberglauben. Es klopfte Jemand an die Thüre. „Herein!" rief Frau Carolina. Ein Herr von ungefähr 48 Jahren trat ein. „Habe ich das hohe Glück," sagte er, „Jhro Majestät, die Königin von Golkonde zu begrüßen?" Frau Carolina fuhr zusammen. „Ein Verrückter!" stammelte sie. „„Sie irren."" sagte der Fremde, „„ich bin nicht verückt. Sehen Sie mich an, kennen Sie mich nicht mehr?"" Frau Hirschfeld betrachtete ihn. „Ich erinnere mich nicht," sagte sie. „„Auch nicht, wenn ich Ihnen sage, warum ich Sie als Königin von Golkonde begrüßt habe? Kennen Sie das schöne Gedicht von Bürger nicht? Nicht? So will ich Ihnen kurz den Inhalt erzählen. Ein junger Mann liebte ein junges Mädchen. „Doch mit des Geschickes Mächten, ist kein ewiger Bund zu flechten und das Unglück schreitet schnell." Der junge Mann verließ das Mädchen. „Weder ich noch Sie bedachten, was wir an jenem Tage machten." Das junge Mädchen, durch den Jüngling aus ihren bescheidenen Bahnen gerissen, macht ein großes Glück; sie wird Königin von Golkonde; aber sie verliert die Krone wieder, tritt in bescheidene Verhältnisse zurück, und trifft dann mit dem ehemaligen Geliebten zusammen. Ein Bund der Liebe nicht, ein Bund der Freundschaft vereint dann die lange Getrennten. Carolina, erkennen Sie mich noch immer nicht?"" „Robert Heinzelmann!" „„Derselbe, der gekommen ist. Ihnen seine Freundschaft anzubieten'. Carolina, wir sind alt

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