Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1876)
- Date
- 1876-05-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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443 Fluch der beraubten, ins Elend "gestoßenen und vertriebenen Juden blieben in der Luft Spaniens zurück. Den Zurückgebliebenen aber, welche ihren Glauben wechselten, paßte die Inquisition argwöhnisch auf den Dienst und verbrannte ab und zu, zum warnenden Exempel „jüdelnde Ketzer" auf den Autos da fe in in majorem ecclesiae gloriam! Nom hatte nun die Arena ganz allein für sich, und was hat es mit Spanien angefangen? Nach einem einzigen Jahrhundert der BIüthe, nach einem einzigen noch thatenvollen Jahrhundert, wo überdies die zuströmenden Schätze Peru's die beginnende Faulniß noch vergoldeten, begann der Verfall von einem Ende des Reiches zum andern. Von dem stolzen spanischen Weltreiche ist schließlich nur ein Wrack übrig geblieben, an dessen weiteren Schicksalen die Geschichte mit Achselzucken vorrübergeht. Die römische Curie, die im Golde erstickte, bezrugte nicht einmal Wissen und Liebe genug zu der eigenen Siebcnhügelstadt, um thatkräftig eingreifend Hunderttausende, zahllose Generationen der eigenen Unterthanen vor dem tödtlichen Fieber zu retten, welches sich auf die durch Jahrhunderte vererbte mönchische Trägheit und Nachlässigkeit zurückführen läßt, die nahe der Ewigen Stadt weit ausgedehnte fruchtbare Gefilde versumpfen ließ. Ganz ebenso wurde auch unter ihren Auspicien in Spanien das anvertraute Pfund verwaltet. Geistige Verwesung, industrieller Verfall und Kainskriege ohne Zahl folgten naturgemäß den bluttriefenden Triumphen der Inquisition von ehedem und den Exils-Dekreten gekrönter Finsterlinge. Ist noch eine Umkehr möglich? Der Widerruf jener Exils-Decrete wäre nur erst ein einziger Schritt, wenn Spanien, das von neuem Aufschwünge träumt, mit den unwürdigen Zuständen der Vergangenheit ernstlich brechen will. Aber noch heute verlangt der Vatikan das Recht, Ketzer und Nichtchristen in Spanien maßregeln zu dürfen. Der Vatican besteht darauf, daß' die Madrider Regierung die im 1851er Concordat gemachten Versprechen bis auf den Buchstaben erfülle. Die Regierung des Königs Alfonso ist dazu bereit, jedoch mit der einzigen wichtigen Ausnahme, daß dabei der Paragraph über „religiöse Einheit" in Wegfall komme. Dies ist aber des Vatikans Alpha und Omega. Die gegenwärtig der Madrider Regierung zugestellte Petition der jüdischen Delegirten, welche auch an die Cortes gelangen soll, kann vielleicht zum Prüfstein werden für die Echtheit des Widerstandes und mancher lauten sittlichen Entrüstung gegen jene Unduldsamkeit, die nur in Spanien noch in so mittelalterlicher Urwüchsigkeit wuchert. Freilich wird der Clerus Feuer und Flammen speien gegen die Aufhebung des Juden- Edicts oder bereit' sein, sich seinen Widerstand durch solche finsternachtige Zugeständnisse abkaufen zu lassen, vermöge deren die noch bitterer gehaßten nichtrömischen Ketzer wieder der Lynchjustiz überliefert würden. Wahrlich, es müßte erst ein neuer gewaltiger Geist in den spanischen Cortes erwachen, um mit mächtigem Arme das Volk von der rostigen und niederwuchtenden Rüstung des politischen und socialen Aberglaubens zu befreien! Literarischer Bericht. Dem Buche vom G. Wolf „Geschichte der Juden in Wien 1156—1876," (Wien, Hölder) entnehmen wir die nachfolgenden Daten. — Das Privilegium Friedrich Barbarossa's, welches im Jahr 1156 den Herzogen von Oesterreich anheim gibt, Juden in ihrem Lande zu dulden, bildet in dem Buche den Markstein, bei welchem die Geschichte der Wiener Juden beginnt. Die Wahrscheinlichkeit, daß auch vorher schon eine jüdische Colonie sich acclimatisirt habe, soll dadurch keinesfalls ausgeschlossen sein, sie ist sogar gesichert durch die vielfach bezeugte Toleranz der österreichischen Herzoge, deren Wohlwollen längst durch irgend welche' Dienste erworben sein mußte, wenn schon Friedrich der Steitbare durch die jüdischen „Kammergrafen" Lublin und Nekelo seine Finanzgeschäfte besorgen und im Juli 1214 jenes Statut erlassen konnte, welches die Juden ihren christlichen Nebenmenschen in gewissen Strafbestimmungen gleichstellte. Doch bald kamen schwere Tage über die Wiener Juden. Der Charakter einer Leidensgeschichte ist bis zu Kaiser Josephs Toleranz-Patent den Schicksalen derselben nicht minder als denjenigen ihrer übrigen Glaubensgenossen in deutschen Landen ausgeprägt. Sie tragen' gehörnte Hüte und „gelbe Häubel," dürfen nur in bestimmten Gassen wohnen, müssen Duldungsgelder entrichten und doch jeden Augenblick gefaßt sein, daß man sie von dannen treibt. Der „schwarze Tod" kommt auch in Wien auf ihr Conto und unter dem verhängnißvollen Verdachte der Brunnenvergiftung nimmt sich in der Synagoge (1349) die gesammte Gemeinde, das Oberhaupt Rabbi Jona inbegriffen, mit eigener Hand das Leben. Im Jahre 1420 werden die Juden in den Kerker geworfen und ihre Güter confiscirt, weil die Meßnerin zu Enns eine Hostie gestohlen und an den reichen Juden Israel verkauft haben soll!! Die Geschichte der Wiener Juden zeigt auch ein stetes Gehen und Kommen, zu einem