Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1876)
- Date
- 1876-05-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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412 ja auch selbst das Häuflein protestantischer Christen kaum im Stande, fern von Madrid über eine sichere Heimstätte zu verfügen, und ist oft genöthigt, um Schutz gegen Volksfanatismus und unduldsame Obrigkeiten klagbar zu werden. Jene erschütternde Rede Caftelar's in den Tagen der kurzlebigen Serrano'schen Republik, in welcher er berichtete, daß man bei Nachgrabungen in Madrid auf der Stätte einstiger Scheiterhaufen noch die halbversengten Locken von Greisen und Kindern, Opfern der Inquisition, aufgefunden, entzündete damals zwar eine gewaltige Entrüstung. Aber sie erlahmte bald und hatte weder für Protestanten noch Juden eine Besserung ihrer Lage im Gefolge. Was damals, in einer kurzen Periode der Läuterung, an freiheitlichen Doctrinen aufgeboten wurde, mußte sich unter dem heutigen Regime sehr bald wieder vor der Bigotterie des Clerus und seines Pöbels verkriechen. Im Moment zittert das Zünglein der Wage noch immer hin und her, und es ist noch sehr fraglich, ob auch in der Judenfrage Regierung und Cortes das Ehrgefühl und den moralischen Muth vor dem verblendeten Volke bekennen werden, um den Boden des verschollenen Jahres 1492 zu verlassen und damit die moralischen Traditionen der Scheiterhaufen und der Feuerroste für immer zu verleugnen. Die Judenverfolgungen in Spanien datiren eigentlich erst aus jener Zeit, als die Inquisition ihre Blutorgien feierte, als sie die Gebetsformeln des Volkes nach dem gräßlichen Motto: „Urendum aut confitendum“ verfaßte und Juden und Ketzer, die sich nicht bekehren wollten, auf dem Wege zum Autodafe in lange Gewänder steckte, die mit Caricaturen bemalt waren, um der Menge Mitleid in Gelächter zu verkehren. Vor dieser Zeit lebten die Juden jahrhundertelang unangefochten sowohl unter den Mauren im Süden, als selbst im castilischen Königreiche unter rein spanischer Bevölkerung. Sie wurden begütert und angesehen im Schatten mahomedanischer Moscheen, und ihre Intelligenz erstarkte noch an der vorgeschrittenen arabischen Wissenschaft und Philosophie. Auch zeichneten sie sich selber auf diesem Gebiete aus zu einer Zeit, als noch die christlichen Hidalgos in Fehden und im Hofgepränge Gut und Leben vergeudeten. Die Sicherheit ihrer Stellung erlaubte ihnen, Ziele zu verfolgen, die mit Geldhunger nichts gemein hatten. In ihrer Mitte erstanden Männer der Wissenschaft, Schriftsteller und Poeten, deren Werke den Abendglanz der maurischen Herrschaft erhöhten. Hätte nicht später so furchtbar und unerbittlich die Faust des römischen Fanatismus in jenes goldene Zeitalter Südspaniens hineingegriffen, so würde heute Spanien darauf stolz sein können, Männer unter seinen Söhnen gezählt zu haben, die nach der unter maßlosen Leiden erfolgten Flucht und Zerstreuung der spanischen Juden in aller Welt in heimatloser Fremde geboren wurden. Befanden sich doch unter den zur Auswanderung Gezwungenen Don Jizchack Abarbanel und sein Sohn Don Judah, Rabbi Joseph Caro, Rabbi Salomo Syreleyo und tausend Andere, die noch heute der Stolz des JudenthumS sind und eS immer bleiben werden. In Castilien war bis dahin die ärztliche Kunst und die Naturkunde fast ausschließlich in den Händen der Juden, und ihre Gelehrsamkeit wurde höher geachtet und höher belohnt, als die sonst zu jener Zeit immerhin nicht geringen Kenntnisse der Klostermönche. Niemand verwehrte ihnen damals sogar den Erwerb großer Herrschaften. Ihre Söhne und Töchter heirateten in Familien vom blauesten Blute, und castilische Könige wählten aus ihnen oft ihre ersten Rathgeber.' Aber mit der Vertreibung der Mauren ging auch die der Juden Hand und Hand. Spanien fühlte sich zum erstenmale als ein Leib; es hatte Eroberungstriumphe gefeiert und war auf die Entdeckung eines neuen Welttheils ausgegangen. Der Inquisitor aber saß im hohen Rathe und konnte dem illustren Hcrrscherpaare keinen bessern Rath geben, sich in der neuen Aera Unsterblichkeit zu erwerben, als durch eine Ausrottung der verhaßten Juden. Bekehrung oder Exil! Erheuchelter Bekehrungen, um die Existenz zu retten, gab es freilich jetzt und zuvor, als mit der Pechfackel das Wort „Eigenthum der Kirche" Allem, was „ungläubig," in die Seele gebrannt wurde. Der Exodus der Juden, denen nicht Zeit gelassen wurde, ihre unbewegliche Habe zu versilbern, und verwehrt wurde, an beweglicher mehr mit sich zu nehmen, als sie mit den Händen fortschaffen konnten, betrug nahezu dreimalhunderttausend Menschen. „Das Judenthum ist ausgestampft!" so jubelte man in Kirche und Kloster; aber jene Ausrottung der Mauren und Juden hat Spanien bis auf den heutigen Tag nicht verwunden. Derselbe Neid gegen geistige und materielle Ueberlegenheit hatte dies verschuldet, welcher, schnöden Undanks voll, Christoph Columbus in den Kerker warf. Der Fanatismus that diesem Neide nur Knechtcsdienste. Mit Einem Schlage entfiel ein großes iutellectuelles Element, mit Einem Schlage ging auf vier Jahrhunderte hinaus für Spanien ein reger industrieller Factor gänzlich verloren, der in anderen Ländern jenen Wetteifer des Fleißes geweckt und rege gehalten, welcher Nationen vom lähmenden Drucke der Armuth befreit. Der Abfchiedsruf des letzten Maurenkönigs Boabdil: „Wehe dir, Alhama!" und die Klage und der