Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1876)
- Date
- 1876-05-10
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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435 über den österreichischen Credit hat unter Anderen auch Frhr. v. Köuigswarter vernommen, welcher Hrn. Aub das Unpassende seiner Aeußerungen bedeutete und ihm zu verstehen gab, daß er der Börsenkammer hievon Mitteilung machen werde. Frhr. v. Königswarter führte auch feinen Entschluß aus, und nächsten Montag sollte die Börsenkammer hierüber in einer Sitzung endgiltig entscheiden. Diese Angelegenheit hat jedoch einen unerwarteten Verlauf genommen. Die Polizei-Direclion, welcher dieser Vorfall bekannt wurde, schenkte demselben besondere Aufmerksamkeit. Hr. Aub wurde gestern zur Polizei-Direction vorgeladen, und hier publ cirte ihm ein höherer Beamter, daß er auf Grund des Schub-Gesetzes aus Cisleithanien ausgewiesen sei, und die Gründe dieser Ausweisung wurden ihm mitgetheilt. Hr. Aub, aus Frankfurt a. M. gebürtig, ist verheirathet und 31 Jahre alt. Wie wir erfahren, hat er heute gegen die Ausweisung den Necurs ergriffen." Rieolsbirrg, im April. Am 7. Peßachtage hielt der am jüd Seminar zu Breslau ausgebildete Rabbiner, Hr. Or. Reis, welcher zum Besuche seiner Eltern hier weilte, eine Gaftpredigt in unserer „Altschul" Die Synagoge war in allen Räumen von Zuhörern, männlichen und weiblichen Geschlechtes, gefüllt, welche Außerordentliches zu hören erwarteten, um so mehr, als der Redner, ohne die geringste Aengstlichkeit, die leiseste Befangenheit zu verrathcn, die Stärte betrat, an welcher ausgezeichnete Männer des Wissens und der Gottesfurcht das Wort Gottes gelehrt und verkündigt haben. — Doch wurden die Erwartungen nicht erfüllt. Die Rede, wohl gelungen in der äußeren Form, entbehrte jedes inneren Gehaltes, jedes geistanregenden Gedankens, und auch der Vortrag ermangelte des Schwunges, der Begeisterung , war durchaus monoton und gleichförmig. Dem gegenüber verdient der von dem Rabbinats- Assessor, Hr. M. L. Kohn, in der Bethhamidrasch- Synagoge gehaltene Vortrag mit um so größerem Lobe erwähnt zu werden. * Hr. Kohn erläuterte und erklärte in geistreicher und anziehender Weise den pcn hd'x und — veranlaßt durch den jedes wahrhaft religiöse Herz betrübenden Umstand, daß selbst in unserer frommen Gemeinde sich ein Mitglied derselben erkühnte pan in seinem Geschäftslokale durch einen Nichjuden verkaufen zu lassen — hob er mit überzeugungsvollen, vom Feuer der Begeisterung getragenen Worten die Wichtigkeit des tdw, wie die Pflicht der hervor und belehrte nach Beendigung des Vortrags seine Zuhörer über riDsn rty luyip pon mit der eindringlichen Ermahnung auch dieses Verbot nicht gering zu halten. Was der Redner hiemit beabsichtigte, war leicht zu erkennen. — Es wäre nur zu wünschen, daß seine Worte, die ungetheilten Beifall bei den Zuhörern fanden, weiter verbreitet und bleibenden Eindruck machen würden, daß es Niemandem mehr beifalle, gegen dieses heilige Verbot zu handeln. I Neu-Sandez. Am 25. p’j ist der in den j weiteilen Kreisen berühmte Oberrabbiner Cb. Halberstamm von Neu-Sandez gestorben. In ihm j haben nicht blos die Juden Galiziens, sondern! das ganze Judenthum einen großen Verlust erlitj ten. In welch' hohem Anseben der Verstorbene in! aller Welt gestanden, das bezeugt der nachstehende j Nekrolog der Wiener „Presse",'eines Blattes, das j wie so viele andere liberale Blätter sonst gar gern! die Gelegenheit ergreift, um über das orthodoxe j Judenthum und dessen Vetreter herzufallen. Der; Artikel lautet: „Der eben verstorbene Oberrabbiner i zu Neu Sandez darf durchaus nicht mit gewöhn-; lichen Menschen in einen Topf geworfen werden.! Bei Beurtheilung seiner persönlichen Erscheinung muß ein ganz anderer, höherer Maßstab angenommen werden. Es war zu Anfang dieses Jahrhunderts, als unter die Juden Galiziens die Kunde von einem 15jährigen Kinde drang, das durch Gelehrsamkeit im Talmud und die Stärke seines Geistes ungeheures Aufsehen erregte. Das Kind wurde bald ein gefeierter Gelehrter und mochte vielleicht noch nicht das 20. Jahr erreicht haben. als die Neu- Sandezer Gemeinde ihn als Oberrabbiner aufnahm. Seitdem blieb er auf seinem Posten, bis er sich vor wenigen Jahren von demselben zurückzog. Seit dieser Zeit ist es sein Sohn, welcher diesen Posten übernahm. Sein Geist war so lebhaft und seine persönliche Erscheinung so gewaltig anziehend, daß von allen Ländern Europa's Tausende von Leuten nach Sandez strömten, um diesen erhabenen engelreinen Charakter zu bewundern. Während des ganzen Monats Tischri hielten sich in Neu-Sandez 3—4000 fremde Menschen auf, welche gekommen waren, um die hohen Feiertage gemeinsam mit diesem ehrwürdigen Oberrabbiner verleben zu können. Diese brachten ihm ein schweres Geld ein; es soll sich seine Einnahme auf 70,000 Gulden jährlich belaufen haben. Dabei lebte der Oberrabbiner sehr bescheiden , da die eigelaufenen Spenden sofort an Arme und Dürftige vertheilt wurden. Er verrichtete nie das Morgengebet, ohne vorher zweimal 18 Gulden an die Armen vertheilt zu haben. Sehr häufig war die Kasse leer, da die reichlich eingelaufenen Spenden vom vorhergehenden Tage vertheilt waren. So mußte man eben das Geld erst