Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1876)
- Date
- 1876-05-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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424 War's denn nicht viel schöner, ein gefeierter und bewunderter Kunstreiter zu sein, denn als Handelsjude über Feld zu gehen? Unterdeß hielt der ganze Zug; man wollte lagern, um Mittag zu halten. Frauen stiegen aus dem Wagen und brachten Mundvorräthe: Brod, Schinken. Wurst und Wein herbei. Der Direktor lud Binjamin ein, an dem Mahle theilzunehmen. Mit einem wahren Heißhunger warf sich der Eingeladene auf die dargebotenen Speisen. Der Direktor schenkte zwei Gläser voll Wein und stieß mit Binjamin auf die künftige Gemeinschaft an. Die Gläser klangen zusammen; der Bund war geschlossen. Unterdeß hatte Moses Grünblatt zu seinem größten Verdrusse die Abwesenheit seines Neffen bemerkt, und auch Babctte sah von der Frauen- Synagoge aus, daß Binjamin nicht auf feinem gewohnten Platze stand. Die Schatten wurden länger, die Sonne schien nur noch auf die W-Pfel der Bäume, das Nerlah Gebet wurde begonnen, Moses fing an, ängstlich zu werden. Er ging hinaus in den Synagogenhof und fragte die dort spielenden Kinder, ob sie Binjamin nicht gesehen. Gewiß hatten sie ihn gesehen; er war gegen Mittag dem Walde zugegangen. Moses kehrte in die Synagoge zurück. Vas sollte er thun? Sollte er am Jom Kippur in den Wald laufen und den Jungen juchen? Binjamin war doch kein kleines Kind! „Zum „Anbeißen" wird er schon kommen!" dachte Moses und beruhigte sich dabei. Der Gottesdienst ging zu Ende. Fröhlich gingen die Leute nach Hause,, um sich daheim zu erquicken. Als Moses aus der Synagoge trat, wartete seine Frau auf ihn. „Der Junge ist fort!" sagte er. „„Ich weiß es,"" antwortete sie. „Und wohin meinst Du, daß er nun gegangen?" „„Er ist nach F. zu seiner Mutter."" „Am hei igen Jom Kippur?" „„Ja, was fragt der nach Jom Kippur!"" „Wenn ihm nur kein Unglück zugestoßen ist." „ „Hab keine Sorge. Nächste Woche haben wir einen Brief von F., daß er dort anaelanat ist."" Traurig nahm das gute Ehepaar seinen Imbiß. Am andern Tage schrieb Moses an seine Schwester nach F., daü sie ihn doch gleich von der etwa erfolgten Ankunft des Sohnes benachrichtiaen möge Als Frau Carolina diesen Brief empfing, erschrak sie sehr. Sogleich schrieb sie zurück, daß Binjamin nicht in F. angekommen sei. Unterdeß hatte Moses schon von an der Chaussee beschäftigten Steinklopfern erfahren, daß sein Neffe am Nachmittage des Versöhnungsfestes mit Kunstreitern davon gezogen sei. Moses grämte sich sehr; Frau Babette aber sprach: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm; Schauspieler, Kunstreiter, es ist Alles eine Sorte." Etwas Aehnliches mochte auch Frau Carolina denken, als sie die Nachricht von dem Verbleib ihres Sohnes erhielt. Dieser lernte unterdeß mit großem Eifer die Schule reiten und machte erstaunliche Fortschritte. Schon nach wenigen Wochen konnte er öffentlich austreten und fand überall den größten Beifall- Seinem Principale verschaffte er die glänzendsten Einnahmen, und auch seine Taschen füllten sich mit Gold. Er führte in der That ein Leben voller Lust und Freude. Ueberall bewundert und mit Beifallsbezeugungen überhäuft, konnte er zugleich ein ungebundenes Leben führen, konnte reiten, spielen, trinken nach Herzensluft; ja, von vornehmen Bewunderern wurde er eingeladen, mit auf die Jagd zu gehen und so seiner alten Leidenschaft zu fröhncn. An seinen Onkel und seine Tante dachte er nicht mehr. An seine Mutter schrieb er nicht, aus Furcht, sie könnte kommen, um ihn zu zwingen, dem ungebundenen Leben zu entsagen Er dachte überhaupt nicht viel; er lebte in Hülle und Fülle, in Saus und Braus. Selbst die Stunden der Arbeit im Circus gewährten ihm bei seiner vollendeten Reitkunst, bei seinem tollkühnen Sinne nur Vergnügen; ja, er dachte mit Freude daran, daß er durch den Wechsel in seinen Bermögensverhältnrssen auf diese Bahn war geschleudert worden; „denn," sagte er sich, „es ist sicherlich lustiKr im Circus zu arbeiten als in dem langweiligen Cadettenhause zu vegetiren; und im Cadettenhause müßte ich jetzt sein, wenn Alles beim Alten geblieben wäre." An eine vielleicht trostlose Zukunft dachte der leichtsinnige Jüngling nicht. (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'sichen Hofbuchhandlung I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).