Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1876)
- Date
- 1876-05-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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423 Bedeutung kennt und ihn verwendet zur Einkehr bei sich selbst, zur Verzeihung und zur hin gebenden Liebe bei den Mitmenschen, zur Versöhnung mit Gott. Wer ihn kennt und verwerthet, den Versöhnungstag. den Tag aufrichtiger Reue, Buße und Besserung, den Tag deS heißen Gebets und der innern Erhebung, den Tag, an welchem alle irdischen Dinge ihrem wahren, geringem Werthe nach erscheinen und die Seele sich sehnt nach dem Hohen und Göttlichen, den Tag, an welchem die besten Entschlüsse erstehen, um später zu edlen Früchten zu reifen — wer diesen erhabenen Tag zu würdigen versteht, dem kömmt kein Gedanke an Speise und Trank, der fühlt weder Ermüdung noch Ermattung, der empfindet wahrend der etwa dreizehnstündigen, ununterbrochenen Dauer des Gottesdienstes auch nicht einen Augenblick lange Weile. Anders war es mit Binjamin. Die Feier des Tages war ihm eine fremde, von außen aufgedrungene. Cr hatte Hunger und Durst und fürchterliche Langeweile. Wahrend sein Oheim im Gebete vertieft dastand, zog er heimlich die Stiefel an und verließ die Synagoge. Er hatte Anfangs nur die Absicht gehabt, ein wenig frische Luft zu schöpfen; mit langen Zügen sog er die vom Gebirge her wehende reine Luft ein; sie kühlte seine heiße Stirn, sie linderte den brennenden Durst. Er ging in den Wald; hinter einem Felsstücke entsprang eine frische, krystallhelle Quelle. Ohne Bedenken ging Binjamin hin und löschte feinen Durst; aber als er den Durst gestillt hatte, da erwrchte der Hunger mächtig, pochend, hämmernd, quälend. Rings im Walde war nichts Eßbares; Binjamin verließ das Gehölz und kam auf die Heerstraße nach D. Ein bunter Zug zog feine Blicke an; er erkannte bald, daß es Kunstreiter waren; er folgte dem Zuge und holte ihn ein. Da waren Pferde in Menge, theils mit, theils ohne Reiter und Reiterinnen; große, mit Leinwand überzogene Wagen, in denen sich die Damen, Kinder und Utensilien der Gesellschaft befanden. Den Beschluß des Zuges machte Hn Mann, der «in schönes Pferd an der Hand fkchrte. Binjamin grüßte ihn, und der Führer des Pferdes erwiederte 1 höflich fernen Gruß. »Warum," fragte Binjamin darauf, „gehen Sie zu Fuß? Warum setzen Sie sich nicht' auf das Pferd?" »„Das Pferd ist unbändig, es wirft jeden Reiter ckb. Der Herr Director hat in Folge dessen das schöne Thier sehr billig gekauft. Er glaubt, es dresstren zu können, allein bis jetzt hat er noch wenig ausgerichtet."" Binjamin hatte das Pferd unterdeß naher betrachtet, und siehe da, er glaubte einen alten Bekannten darin zu erkennen. Es war aus dem Stalle seines Vaters; ein junges Thier, in seines Vaters Stall geboren. Wie oft hatte er das Fällen durch den Hof gejagt! Er hatte es an sich gewöhnt, es fraß aus seiner Hand. Aber gegen alle andere Menschen war es stets sehr wild gewesen. Binjamin klopfte dem edlen Thiere auf den Rücken und streichelte seineu Hals. „Blessi!" sagte er zärtlich. Das Pferd stieß eia freudiges Gewieher aus. Im Nu saß Binjamin auf dem Pferde und sprengte dem Zuge entlang. Erstaunt sah ihm der Führer nach, erstaunt blickten auf ihn alle Mitglieder der Gesellschaft. An der Spitze des Zuges ritt der Director. Als Binjamin bei ih'm angekommen war, hielt er das Pferd an" und salutirte militärisch. „Junger Herr," sagte der Director, „Sie sind ein geborener Kunstreiter! Wie, den wildesten Gaul, der mir jemals vorgekommen, reiten Sie ohne Sattel und Zaun, ohne Zügel und Bügelt A la bonne heure! Ich mache Ihnen mein Compliment! Sind Sie aus hiesiger Gegend? Hätten Sie Lust, in meine Truppe ein',utreten?" Binjamin's Herz klopfte hörbar; da war ihm Gelegenheit geboten, wieder seinen Neigungen gemäß zu leben, an Pferden und Hunden Freude zu haben, ungebunden leben zu können wie einst auf dem Gute seines Vaters! „Ich kann aber nicht die Schule reiten," antwortete er. „Das werden Sie bald Urnen- Ziehen Sie Mit mir! Ich habe Mangel an guten Reitern. Probiren Sie's nur; schon in vier Wochen werden Sie öffentlich auftceten können. Dann werden Sie viel Geld verdienen; ein Leben voll Lust und Freude steht Ihnen bevor. Sie sind ein schmucker Junge, Sie werden bald der Liebling des Publikums sein!" Binjamin besann sich; er dachte an seine Mutter, an den Onkel und die Tante, die es so gut mit ihm meinten. Sollte er zurückkehren? Aber würde man nicht fragen, wo er so lange geblieben, würde man ihn nicht in Verdacht haben, während der langen Zeit seiner Abwesenheit vom Gottesdienste gegessen und getrunken zu haben? Müßte er da nicht Rede stehen, sich entschuldigen, lügen? Und wenn er die Wahrheit bekannte, daß er im Walde Wasser getrunken, daß er gar auf einem Pferde geritten, wie böse würden da der Onkel und namentlich die Tante werden! Und hatte er sich nicht seit lange gesehnt dem beengten Leben im Häuschen seines Oheims zu entfliehen? Und