Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1876)
- Date
- 1876-05-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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420 Bildung hängt davon ab, wie sich diese beiden Mächte zu einander verhalten. „Humanität ist nichts Anderes als die gesunde Entfaltung aller menschlichen Anlagen, und die wichtigste, die humanste von allen, die Anlage zur Gotteserkenntniß sollte davon ausgeschlossen'sein? Religion ist ja das dem Volksleben Unentbehrlichste und Unersetzlichste; wer dies aber nur für eine niedrige Culturstufe anerkennen will, dem glaube ich an dieser Stelle am wenigsten eine a.-sführlickere Anwort schuldig zu sein, wo ganz andere Männer. wo zwei der größten Denker deut'cher Nation, wo Fichte und Schleiermacher ihr Zeugniß dafür abgelegt haben, daß das religiöse Leben nicht nur die Grundlage des Volks- Wohls sei, sondern auch die Vollendung aller geistigen Bildung. „Der Mensch, zwei Welten angehörig, ist dazu berufen, das Materielle, dem er äußerlich angehört, zu überwinden. Er überwindet es als Künstler, indem er die Materie vergeistigt; er überwindet es als Forscher, indem er in der Natur, sowie in den Schicksalen der Völker Ordnung und Gesetz erkennt, denn wo Ordnung ist, da'ist Geist und göttliches Leben. ,,Es gibt aber auch ein Organ für die unmittelbare Wahrnehmung des Göttlichen, das eben so gepflegt und gebildet sein will, wie der Forscher rieb und das Auge des Künstlers; denn dem Menschenherzen ist das Bedürfniß eingepflanzt, seines Gottes gewiß zu fein, und es ist eine Kraft vo Händen ihn persönlich zu ergreifen. Es ist die Kraft, durch welche die höchsten Leistungen, deren das menschliche Wesen fähig ist, zu Stande gekommen sind, die vollständigste Ueberwindung der materiellen Welt, die freudigste Hingabe von Gut und Blut, der höchste Triumph des freien Menschengeistes; es ist die Kraft, in welcher Gefühl, Erkenntniß und That am vollkommensten sich durch - dringen, die Kraft des Glaubens. Wie arm wäre die Menschengeschichte, wenn ihr das Heldenthum fehlte, das in dieser Kraft wurzelt! Jeder Forscher geht ihren Svuren emsig nach, die Kunst kennt keine höhere Aufgabe, als ihr Wirken darzustellen; sie ist die Quelle der reinsten Poesie, und für unser Leben sollte sie etwas Gleichgiltiges fein, in uns sollte sie fehlen können, ohne daß ein Mangel an humaner Ausbildung fühlbar würde, eine Schwäche, ein wesentliches Unvermögen? Das kann ich nicht glauben, so ge n man auch die Sache umkehrt, so häufig es auch Vorkommen mag, daß, um in einem Gleichnisse zu reden, ein Adler, dem die Schwungfeder erlahmt ist, seine Genossen zu überreden sucht, daß es das allein Vernünftige sei, Schritt für Schritt auf festem Boden einherzugehen, anstatt mit keckem Selbstvertrauen in die Höhe zu fliegen. „Die Wahrheit ist ihrer Natur nach einfach und bezeugt sich als solche dem aufrichtig Suchenden, nach innerer Einheit und Gewißheit verlangenden Menschengeiste. Wenn sie nur durch grübelnde Vernunft zu gewinnen wäre, wenn sie methodisch erforscht ihrem Wesen nach sich veränderte oder durch etwas Anderes ersetzt werden müßte, so würde sich in Betreff der höchsten Lebensfragen innerhalb der Volksgemeinschaft eine Kluft öffnen, welche die Einheit derselben aufhebt; damit würde aber auch die Gesundheit des Volks erschüttert und seine Kraft untergraben. Denn wie das Beispiel der Hellenen zeigt.' so glänzend auch die einzelnen Leistungen sein mögen. der Verfall einer Nation ist unvermeidlich, wenn die Denkenden vom Ganzen sich ablösen. wenn die Lebenskräfte auseinander gehen, welche in organischem Zusammenhang mit einander zu wirken, sich gegenseitig zu stärken und zu ergänzen bestimmt sind. Damit wird aber unsere gesammte Bildung gefährdet, denn wir können uns keine wahre Kunst denken, welche nicht von einem gesunden Volksthume getragen würde. „Äollen wir also mit dem Ernst machen, was den stetigen Fortschritt menschlicher Bildung bedingt , so müssen wir die nach allen Seiten methodisch ausschreitende, alle Gebiete der Natur und der Geschichte rastlos durchmessende Forschung der Hellenen mit der Sammlung und Vertiefung des Gemüths und der entschlossenen Hingabe desselben an eine centrale Wahrheit zu verbinden suchen, wodurch das andere der beiden Völker, das Volk der Religion, berufen war. die ihm anvertraute Idee wie ein Heiligthum durch das wilde Gedränge der alten Völkergeschichte still hindurchzutragen und dadurch den Grund zu schaffen, auf welchem die ganze moderne Cultur ruht." Zeitungsnachrichten & Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 18. April. Das Abgeordnetenhaus hat in seiner S tzung vcm 29. März über eine Petition des Predigers Mayer zu Wetzlar Beschluß gefaßt. Die Petition, die schon einige Mate dem Abgeordnetenhause vorlag, ging dahin, entweder die christlichen Geistlichen und Lehrer zur Communalsteuer heranzuziehen oder auch die israelitischen zu befreien und so dem Artikel I. unserer