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Der Israelit · 1876-05-10 · Heft 19 (10.5.1876) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 19 (10.5.1876)
Date
1876-05-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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419 Partei, und zwar nicht aus schrankenloser Raufj lust oder Eroberungssucht, sondern weil in dem Kampfe alle Tugenden der Hellenen zur vollen Entwicklung kamen und die ununterbrochene Anspannung nothwendig schien, um das Volk gesund, opferfreudig, stark und einig zu erhalten. „Und in der That, nach dem kurzen Sonnenblick der perikleischen Friedensjahre trat der blutige Parteihader mit allen seinen entsittlichenden Wirkungen ein; die besten Bürger zogen sich von dem entarteten Gemeinwesen zurück, in dem sie nicht mehr den Ausdruck ihres Volksthums erkennen konnten, und das wahre Hellenenthum erschien nun wieder wie ein idealer Besitz, der nicht mehr an Stadt und Volk gebunden war; Epaminondas suchte schon e.n solches, von örtlicher Gebundenheit freies, allgemeines Hellenenthum zu verwirklichen, und Jsokrates rechnete es den Hellenen zur Ehre, daß ihr Name nicht sowohl einen Bolksstamm als Bildung und edle Sitte be zeichne. „Im Gefühle seiner Unselbständigkeit, an Hilfsmitteln erschöpft, suchte Hellas wieder Anschluß bei den Völkern des Nordens, die es früher ausgesondert hatte, so daß bei dem neuen Seebunde, den Athen aufrichtete, auch die Barbaren, welche den Continent bewohnen zur Theilnahme aufgefordert wurden. Als aber unter den Fürsten des Nordens Einer auftrat, welcher zum Anschluß bereit war: aber ncht als dienstwilliger Bundesgenosse sondern als übermächtiger Kriegsherr, da gelang es Demosthenes noch einmal' den alten Barbarenhaß zu entstammen, und sein Verdienst ist es, daß sich das Volk noch einmal ermannt und daß sich die Geschichte der unabhängigen Hellenen mit einem Heldenkampfe abschließt.' „Während dieser Kämpfe war Aristoteles mit dem Königssohn in den schattigen Laubgängen von Mieza auf und nieder gewandelt und hatte ihn gelehrt, daß die Hellenen berufen seien alle Völker der Erde zu beherrschen; er hatte die feurige Seele seines Schülers entzündet, mit frischer Kraft den alten Kampf wider die Barbaren aufzunehmen. Nachdem also die hellenische Bildung sich in immer engere Kreise zusammengezogen und zuletzt in Athen eine Blüthe entfaltet hatte, die mit ihrem Duft die Menschheit erfüllte, war nun die Frucht gezeitigt, und Alexander zog wie ein neuer Tripiolemos aus, um den Samen über die Länder des Morgensauszustreuen, dieselben Länder, von denen einst die ersten Keime der Bildung nach Europa verpflanzt waren. „Unter der Masse der Völker, welch^die Hellenen als Barbaren verachteten, waren auch solche, deren Gaben sie nicht kannten, Gaben, welche gerade das ersetzen, was den Hellenen fehlte. „Sie wußten wohl, daß ein Volk ohne Religion sittlich und staatlich zu Grunde gehen müsse. Sie haben in ihrem Volksbewußtsein sich aus ältester Vorzeit die Idee eines Gottes bewahrt, der keine bloße Naturkraft ist, eines Vaters der Götter und Menschen, welchem man nur mit bildlosem Altardienste nahen dürfe; sie haben die ihnen zugetragenen Gottheiten alle verklärt und aus der Sphäre des Natürlichen in das Geistige gehoben, und ihre edelsten Gestalten, Athen« und Apollon, weisen beide durch engsten Anschluß auf den Urgott hin. „Aber die reinere Gottesidee war wie eine erblaßte Erinnerung aus dem Vaterhause, eine inhaltleere Vorstellung; die Frömmigkeit war ein Postulat der Ethik, aus der richtig verstandenen Menschennatur abgeleitet. Man fühlte, daß der Mensch zu Gott geschaffen fei, man suchte sich wie auf den Stufen einer Pyramide zu ihm hinaufzubauen, aber die Spitze fehlte, und was an reinerer Gotteserkenntniß errungen war, blieb ein Besitz weniger Ausgewählter', ein künstlicher Hochbau, der dem Volke keinen Halt bot, und wenn die Steine aus den Fugen gingen, sanken die Menschen in den Schlamm der Gemeinheit, ohne daß eine Hand da war sie zu retten. „Dies wendet unfern Blick auf das andere der beiden Völker, das einzige neben den Hellenen berechtigte, sich mit stolzem Selbstgefühl der Menschenwelt gegenüber zu stellen, das geschichtliche Gezenbild der Hellenen. Was diesen fehlt, ist hier der Kern des Volksthums, das allein Sichere und Unbedingte. Hier ist kein Umhertasten und Suchen nach dem unbekannten Gotte, sondern ein Erfassen der Menschen durch die Gottheit; hier sind keine nebelhaften Ahnungen, sondern Thatsachen, kräftige Zeugnisse, und zwar nicht einzelne Lichtblitze, die wie Wetterleuchten die Nacht durchkreuzen, sondern ein in großem Zusammenhänge aus einfachen Grundlagen immer voller und inhaltsreicher sich gestaltender Bund zwischen Gott und den Menschen mit persönlicher Gegenseitigkeit, in welchen das ganze Leben des Volks aufgeht. „Was hiervorliegt, ist, etwas so Eigenartiges, daß es sich aus dem Entwicklungsproceß eines sich selbst überlassenen Volks nicht erklären läßt, und je weitere Umschau der Wissenschaft gestattet ist, um so mehr Analogien finden wir zwar, aber nichts, was als eine'genügende Vorstufe angesehen werden könnte. Was hier zu Stande gekommen ist, das ist die Grundlage aller höheren Gotteserkenntniß , die noch heute auf Erden zu finden ist; das ist neben Wissenschaft und Kunst, in denen wir den Hellenen folgen, die zweite weltbewegende Macht, und die ganze Entwickelung menschlicher

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