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Der Israelit · 1876-05-10 · Heft 19 (10.5.1876) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 19 (10.5.1876)
Date
1876-05-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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418 Beide haben in ihrer Absonderung etwas zu Stande gebracht, das an innerer Bedeutung über ihre nationale'Selbftftändigkeit weit hinaus reicht; beide haben uns ein Erbe hinterlassen von solchem Werth, daß sich noch heute die Völker darnach unterscheiden wie weit es ihnen gelungen ist, dasselbe sich anzueianen, einen Schatz für die Menschheit, welcher verschüttet, vergessen, als abgetban weggeworfen, aber immer wieder hervorgezogen ist und immer neue Lebens- und Segenskraft bewährt hat. „So weit die Aehnlichkeit zwilchen den beiden Völkern und ihren Errungenschaften; sonst sind beide so verschiedenartig wie möglich. „Bei dem einen war cs eine Idee, welche das ganze Leben beherrschte, ein Mittelpunkt, um den sich Alles sammelte, ein Gut, ein Kleinod, und alle Kräfte waren dem einen Z' ecke gewidmet, die Flamme des reinen Gottesdiensten zu erhalten. Die Eigenart des anderen Volks bestand in der vollen Entfaltung aller menschlichen Anlagen und in der fröhlichen Mannigfaltigkeit geistiger Güter, welche sie vor der Einseitigkeit der anderen Nationen voraus hatten. „Israels Geschichte beginnt von einem engen Kreise, von einem Nomadenstamm in abgelegenem Berglande, von der Familie eines Hirtenfürsten, dessen Haus sich allmählich zu einem Volke erweitert, das von der Hand seines Gottes geleitet, gesegnet, «gezüchtigt und immer wieder auf seine besondere Mission hingewiesen wird. Die Hellenen dagegen finden wir in einer zu regem Völkerverkehr vorzugsweise geeigneten Insel- und Küstenwelt von Anfang als ein weitverzweigtes Menschengeschlecht, sich selbst und seinem angebornen Bildungstriebe überlassen, und erst, nachdem sie aus freier Selbstbestimmung diesen Trieb entfaltet hatten, lernten sie allmählich im Gegensätze zu den Nicht-Hellenen sich als ein Volk fühlen. „Früher liebte man es freilich, die Hellenen wie das Volk Israel von Anfang an als ein isolirtes sich zu denken und ihre Cultur ganz aus eigenem Samen erwachsen. Nun ist aber immer deutlicher geworden, daß Griechen seit ältester Zeit im Nillande gewohnt haben und Phönizier mitten in Hellas. Unter diesen Verhältnissen ist das arische Volksthum, das den Kern bildete, wesentlich verändert, nicht nur in seiner äußeren Cultur, sondern auch in seinem innern Leben, indem der Dienst der pantheistischen Naturgöttin Asiens unter vielerlei Namen das Land der Hellenen erfüllte. Nur die Sprache blieb rein, und in ihr liegt der Keim des Nationalgefühls, das sich den Menschen unverständlicher Zunge, den Wälschredenden oder Barbaren gegenüberstellte. „In Sitte und Religion kommt aber erst mit dent Apollodienste ein hellenisches Volksbewußtsein zu Stande. „Auch Apollon ist kern Eingeborener; man kann die Wege Nachweisen, auf denen er von Osten herüberkam, die Landungsplätze, wo seine ersten Altäre glühten. Auch er verband beide Gestade. Aber erst im diesseitigen Continent hat er seine wahre Gestalt gewonnen, und kraft der mit seinem Dienst verbundenen Ideen sind die Stämme der Hellenen wie ihre Götter zu einer Familie geordnet. „An Stelle des Olympos, wo sich der hellenische Götterkreis gestaltet hatte, wurde der Parnaß der heilige Berg und Delphi der Herd, um welchen sich die edleren Stämme als eine auSgewählte Hausgenossenschaft sammelten. Wie die Propheten in Israel berufen waren, den idealen Besitz des Volks in lebendigem Bewußtsein zu erhalten. so haben die Priester und Seher von Delphi in Religion, Kunst und Sitte das hellenische Wesen zum Ausdruck gebracht, und von hier ist der den homerischen Gedichten noch fremde Gegensatz zwischen Hellenen und Barbaren in da- Volksbewußtsein getreten. „Die delphische Priesterschaft war aber weder geeignet noch gesonnen, diese ideale Nationalität mit festen Schranken zu umgeben; ihr waren die Huldigungen willkommen, welche die Gewaltherren des jenseitigen Continents dem delpischen Apollo darbrachten. Daher ihre Sympathien für die yoldreichen Könige von Prygien und Lydien, und ihre staue Stimmung, als die Achämeniden Hellas zu einem persischen Vasallenlande machen wollten. „Der Gedanke, daß der geistige Besitz nur auf dem Grunde politischer Unabhängigkeit gehütet werden könne, ging vorn Volke aus, und damit hörte Delphi auf, der Hüter der Nationalität, der Vertreter des Gegensatzes gegen die Barbaren zu sein; an Stelle des HeiligthumS traten die Bürgergemeinden, an Stelle der Priester und Propheten die Staatsmänner von Athen. „Athen war trotz Delphi der Vorkämpfer geworden, und da man erst während des Kampfedessen, wofür man kämpfte, recht bewußt wurde, so schloß sich nun um Athen wiederum ein engere- Griechenland zusammen; Böotien, Lokris fielen ab, der Peloponnes trat zurück und schließlich war, was im vollen Sinne Hellas genannt werden konnte, wesentlich auf die eine Stadt beschränkt. „Der Gegensatz war schärfer als je zuvor; unversöhnlicher Haß zwischen Hellenen und Barbaren, Urfehde auf ewige Zeit, wie zwischen Iran und Turan zwischen Israel und den umwohnenden Heiden, war der Wahlspruch der nationalen

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