Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1876)
- Date
- 1876-05-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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400 Moses suchte seine Schwester auf. Er erzählte ihr, was Binjamin soeben gesagt hatte. Es war dies eine Schwierigkeit, an die sie bis jetzt nicht gedacht hatte. Die Menschen beurtheilen die ganze Welt nach sich selbst. Da sie und ihr verstorbener Mann alles. Jüdische von sich abgestreift hatten, so war es ihr gar nicht in den Sinn gekommen , daß ihr Bruder noch in dem Grade Jude geblieben war, wie es einst die Eltern gewesen. „Ich will mit ihm reden! Moses," sagte sie. Nachdem man gefrühstückt hatte, ging Moses mit seiner Schwester nach dem, etwa eine Stunde entfernten Friedhofe, wo sich die Gräber der Eltern befanden. Carolina war in sehr weicher Stimmung; das Herz, welches das Glück stolz, übermüthig, theilnahmlos gemacht hatte, war vom Unglücke erweicht worden. „Es wird doch besser sein, Bruder," sagte sie unterwegs, „wenn ich den Binjamin wieder mit mir nehme. Der Junge tmft> sich Wi <§««& religiöse Lebensweise gewöhnen können." „„Und das gerade,"" entgegneteMoses, „macht den Wunsch in mir rege, ihn bei mir zu behalten, ihn zu erziehen und zu bessern. Ich habe leider keine Kinder; ich will ihn halten wie meinen eigenen Sohn; ich will ihn nicht verziehen und verzärteln, ich will ihn zu allem Guten anhalten."" „Und wenn er sich nicht fügt?" „„Er wird sich fügen."" „Und wenn Du nichts mit ihm ausrichtest?" „„So wird es noch immer Zeit sein, ihn zu Dir zurückzusenden."" Schweigend gingen sie eine Zeit lang neben einander her. Nach einiger Zeit fragte Moses: „„Und was willst Du beginnen, Schwester?"" „Ich will sehen, daß ich ein Engagement erhalte." „,Ein Engagement? Als was?"" „Am Theater." Moses schwieg, denn sie waren eben am Friedhofe angelangt; er nahm den Schlüssel zum Friedhofsthore und schloß auf; dann sprach er den vorgeschriebenen Segensspruch; darauf führte er die Schwester an die Gräber der Eltern, die nebeneinander ruhten. „Carlinchen," sagte er, „hier schlafen unsre guten, frommen Eltern. Sie waren arm, aber rechtschaffen. O, hättest Du den Kummer gesehen, den Du ihnen verursacht hast! Ja, weine nur! Ich will Dir keine Vorwürfe machen, aber hier an den Gräbern der Eltern bitte ich Dich, nimm Dir das Unglück zu Herzen, das Dich betroffen. Geh nicht an's Theater. Sei wieder eine gute Jüdin, wie Du es einst vor Dir gesehen! Carlinchen, bleibe bei uns, bleibe bei mir im Hause; es soll Dir an nichts fehlen!" Frau Carolina trocknete ihre Thränen. „Moses," sagte sie, „ich habe mir keine Vorwürfe zu machen. Die Eltern haben mich, da ich noch fast ein Kind war, in die Fremde geschickt, haben mich in ein Haus gethan, wo ich am Sabbath kochen und Feuer anzünden und Holz spalten mußte; erst weinte ich, und weigerte mich zu thun, was ich für Sünde hielt. Man lachte mich aus; ich that dann, wie mir geheißen wurde, und von dem Augenblicke an gab es keine Religion für mich. Wenn ein Gott existirt . . . ." „„Unglückliche, was sagst Du, hier, an diesem heiligem Orte? Es ist ein' Gott, ein allgerechter Richter, der Dir Unglück sandte, um Dich zu bessern. Wolltest Du nicht Deinen Binjamin kaufen lasten^ damit er Offizier werde? Ein Blitz aus heiterem Himmel hat Deine stolzen, gottlosen Pläne zerstört. Das war Gottes Hand! Doch nun laß uns beten, wie es Sitte ist, am Grabe der Eltern."" , Er reichte ihr das Gebetbuch, das er mit sich genommen hatte. Als sie gebetet hatten, fragte Moses: „„Willst Du versprechen, nicht wieder Schauspielerin zu werden? Sieh, wenn Du vernünftig bist, kannst Du Dir doch selber sagen, daß DÜ in Deinen Jahren, mit Deiner vergrämten Gestalt auf der Bühne kein Glück mehr machen wirst."" „Du magst Recht haben. Aber bei Dir kann ich nicht bleiben; ich werde nach F. ziehen und mich mit Handarbeiten zu ernähren suchen." „..Und warum willst Du nicht bei mir bleiben?"" Carolina dachte an d is niedrige Häuschen, an die Schwägerin, an die stürmischen Scenen, die sich wahrscheinlich zwischen ihrem Sohne und ihrem Bruder entwickeln und in denen sie auf der Seite ihres Sohnes stehen würde — sie dachte daran, daß ihr Sohn wahrscheinlich nicht lange es würde aushalten können im Hause des frommen Oheims; da wollte sie denn doch diesem Sohne anderswo ein Heim bereit halten, in das er aus dem Hause des Onkels zu jeder Zeit entfliehen könne. „Ich kann nicht," sagte sie, „ich kann nicht. „Dringe nicht weiter in mich."