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Der Israelit · 1876-04-26 · Heft 17 (26.4.1876) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 17 (26.4.1876)
Date
1876-04-26
Page
– (sequence 18)
Language
German
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382 Berlin, 11. April: Die medicinische Wissenhat einen überaus schmerzlichen Verlust erlitten. Einer der hervorragendsten, vielleicht der bedeutendste deutsche Kliniker der Gegenwart, der Skoda Berlins, Geheimrath Professor Dr. Ludwig Traube, ist gestern Morgens nach längerer Krankheit hier gestorbem Traube, am 12. Jan. 1818 als der Sohn eines jüd. Weinhändl. geboren, studirte 1837 bis 1841 in Breslau und in Berlin, wo er promovirte. Hier begann er seine ärztliche Thätigkeit gemeinsam mit Joseph Meyer und Remack als Assistent Schönleins' der er lange Jahre blieb. 1853 wurde er dirigirender Arzt der Charite, des größten Berliner Krankenhauses, und erst vor wenigen Jahren feierte er sein 25jähriges Jubiläum als Arzt der Charite. Später wurde er auch dirigirender Arzt des jüdischen Krankenhauses, als welcher er bis zu seinem Ende fungirte. In seiner klinischen Thätigkeit hatte er durch sein gespanntes Vsrhältniß mit Frerichs, der 1859 an Schönlein's Stelle berufen wurde, einen schweren Stand. Trotzdem war seine neben der Frerichs' bestehende sogenannte „propädeutische ' Klinik eine der berühmtesten und besuchtesten. Es ist bezeichnend für das jugendliche Alter des aufgeklärten Regiments in Deutschland, daß Traube, ein Arzt von europäischem Ruf, als Jude lange Zeit außerordentlicher Professor bleiben mußte; so nennt ihn noch der Umschlag seiner 1867 erschienenen Schrift über die „Krankheiten der Circulations- und Respirations- Organe"; erst vor wenigen Jahren wurde er ordentlicher Professor. Trotz dieser Schwierigkeiten in seiner Carriere blieb Traube, der sich nie zu einem Religionswechsel herbeilassen mochte, Berlin, der Wiege seines Ruhmes, treu und folgte keinem der zahlreichen Rufe, die von fremden Hochschulen an ihn ergingen. Für sein Fach, das der inneren Krankheiten, war er von epochemachender Bedeutung. Er huldigte in der Pathologie und Therapie der strengen naturwissenschaftlichen Richtung, welche, von Schönlein und Skoda inaugurirt, den engen Contact der Pathologie mit der Physik und Physiologie herstellte, und welche bis dadin durch die Herrschaft der naturphilosophischen Schule sehr im Argen lag. Die hervorragendsten Verdienste hot er sich um die physikalische Diagnostik der Herz- und Lungcnkrankheiten erworben, durch seine Fortbildung der Auscultation und Percussion, durch seine Forschungen über die Bedeutung der Herznerven, des Norvrm VSAU8 als Hemmungsnerv, der vasomatorischen Nerven. In therapeutischer Beziehung sind hervorragend seine jahrelangen wichtigen Arbeiten, welche die Wirkung der Digitalis bei Herz- und Lungenkrankheiten in's rechte Licht setzten. Seine Schriften, deren nicht zu viele sind, erschienen theils gesondert, theils in wissenschaftlichen Zeitschriften. Als Lehrer war Traube nicht minder bedeutend wie als Gelehrter und Arzt. WaS in seinem Unterrichte anzog, war besonders seine scharfe Diagnose, die klare Zerlegung des Krankheitsbildes und die wissenschaftliche Anregung, die man durch seine Anwendung des physiologischen Experiments zur Ergänzung der Diagnose der Krankheiten, sowie durch seine geschickte Fragestellung erhielt. Jmponirend an dem Lehrer Traube war seine unbeugsame, sich selbst nicht schonende Wahrheitsliebe bei Jrrihümern, mochten sie sich im Verlaufe einer Krankheit oder bei Sectionen zeigen — eine Selbstüberwindung, die sich selbst manche große Kliniker, sehr zum Schaden ihrer Jünger, nicht abzugewinnen vermögen. Freilich war Traube ebenso streng gegen Andere, als gegen sich. Der Verlust, den die Wissenschaft mit seinem Tode erleidet, ist um so bedeutender, als Traube bis in die letzte Zeit als Arzt wie als Forscher und Lehrer arbeitete. Noch im vorletzten Semester hatte er sein Collegium über propädeutische Klinik angekündigt. Allein er kränkelte seit mehr als einem Jahre, mußte im vorigen Winter seine Vorlesungen einstellen, und vor Kurzem sah er sich genöthigt, sein Entlassungsgesuch einzureichen. Ein merkwürdiges Geschick suchte ihn gerade mit einer tödtlichen Krankheit eines jener Organe heim, deren Erforschung er so sehr gefördert und in deren Erkrankungen er so vielen Leidenden Rettung gebracht hatte: er litt an einem Herzübel, das allmälig zur ausgesprochenen Herzbeutelwasserfucht wurde. So kam es auch, daß der große Gelehrte, der, wie viele scharfblickende Aerzte, sein nahes Ende mit apodiktischer Gewißheit vorausagte, in in den letzten Wochen furchtbar litt und daß ihm der Tod eine willkommene Erlösung war. Berlin. In einem Feuilleton der Berliner Volkszeitung lesen wir über den jüngst verstorbenen berühmten Arzt Traube: Wie alle Männer, die den Berufspflichten ihre ganzen Kräfte weihen, gab Traube wenig auf Aeußerlichkeiten. So kam es, daß ihn im vorigen Jahre ein Verwandter auf die schlechte Verfassung seines Paletots aufmerksam machte und ihm einen Militärschneider empfahl, der, Künstler in seinem Fach, nur ausnahmsweise Kunden aus der bürgerlichen Sphäre bediente. Traube besuchte den Meister und bat ihn, ihm den alten Paletot gütigst flicken und einen neuen anmefsen zu wollen. „Aus Flickarbeiten," sagte der Schneider von der Höhe seines Sitzes herab, „laß ich mich schon gar nicht ein, und dann," fügte er mit vornehmem Nasenrümpfen hinzu, „nehme ich nur noble Kunden an."

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