Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1876)
- Date
- 1876-04-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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376 und wahrhaftig auch keine Schande. Ich habe eine einzige Tochter, ein braves, frommes Kind, fünfthalb Jahre ist sie Braut mit einem ordentlichen, rechtschaffenen jungen Mann; die beiden Leute haben sich recht. recht lieb, wir, die Eltern der Brautleute, wünschen die Partie . . . aber was nützt das Alles! — mein zukünftiger Schwiegersohn ist ein Zweitgeborener... ich gebe mir alle erdenkliche Mühe, eine Familiennummer für ihn zu erhalten, ich habe jeden von Euch, Ihr Herren Vorsteher, gebeten, mir eine, sobald sie frei wird, zu geben, . es ist merkwürdig, es hat sich bisher noch immer keine gefunden. Fünfthalb Jahre dauert der Brautstand, wäre mein zukünftiger Schwiegersohn nicht durch das feste Band der Liebe an mein Kind gekettet, wäre er nicht ein Mann, der seine Pflichten kennt, der gute gehorsame Sohn hatte dem Drangen seines alten Vaters nachgeüen, meinem Kinde entsagen müssen. Sie, meine Herren, sind auch Väter, sie werden den tiefen Schmerz begreifen, was es heißt, wenn eine von Gott und Menschen gestattete warme Liebe einer — ich möchte sagen — fast hoffnungslosen Zukunft entgegensieht! Wenn sich in Jahren noch keine Familiennummer für meinen Schwiegersohn trifft . . . was soll geschehen? — Was nützt mich mein ganzes abgelaufenes Leben, was habe ich von nahezu sechzigjähriger angestrengter, mühevoller Arbeit, - wenn ich meinem armen Kinde nicht jenes Loos bescheiden kann, das außerdem Jeder, der elendeste Bettler, der verkommendste Vagabund, die lüderlichste Dirne erlangen kann! Wir sind im Golus *) furchtbarer als damals, als wir noch in Mizrajim^) lebten — wenn man's genau bedenkt, war das Gesetz, das jener Pharao erließ, milder, menschlicher, natürlicher . . . als der Paragraph des österreichisch-bürgerlichen Gesetzbuches über die Eheschließung böhmischer Juden! . . . Mein ganzes Sinnen und Trachten liegt in dem Gedanken gefangen, für mein Kind eine Nummer zu erlangen. Wenn mich ein Freund auf der Gasse freundlich grüßt, glaub' ich, er will mir die frohe Botschaft bringen, eine Familie für mein Kind ist frei! Wenn ich einen fremden Fußtritt an der Schwelle meines Hauses höre, hoffe ich, man schickt mir von der Gemeinde die Nachricht, eine Nummer ist frei, ich glaube, wenn's noch lange so fortgeht, . . . . muß ich noch wahnsinnig werden! . . . und warum soll ich mich meiner väterlichen Schwäche schämen . . . mag's lächerlich erscheinen! ... Ihr werdet nicht lachen, wenn mir das Weinen näher ist," 1) in der Berbannung. 2) Egypten. — und die Stimme des erregten Mannes brach, die Thränen stiegen ihm in die Augen; „und als man mich, Moses Budweiser, der noch nie bei der Gemeinde oder irgend einem Gerichte vorgeladen war, heraufberief . . . hoffte ich ... ich thörichter Mann! — Ihr wolltet mir eine Nummer für mein Kind verleihen und — diese kindische Hoffnung verschwindet, und dafür kommt der Moßer!" Budweiser brach ab. Er hatte sich in eine an ihm völlig ungewohnte Aufregung hineingesprochen. Das letzte Wort stieß er in furchtbarer Erbitterung, im höchsten Affecte heraus. akow hatte die ergreifende Rede seines alten Jugendgespielen und langjährigen Antipoden mit eigenthümlich.r Empfindung angehört. Er war, wie schon mehrmals betont wurde, ein Sanguiniker des höchsten Grades; sein leicht bewegliches, reizbares Gemüth unterlag dem momentanen Eindrücke, und Niemand bedauerte die vorschnelle, schmähliche Anzeige, die er in rasch auflodernder Zornesgluth gegen Budweiser erstattet hatte, mehr als er selbst. Er fühlte das Unwürdige seines Benehmens, und dem Verdrusse mischte sich das bittere Gefühl der Selbstverachtung bei. Als Budweiser ein Bild seiner Qualen, die er als Vater erlhtt, entrollte, wurde Wodolka von tiefem Mitgefühle ergriffen, und der raschsinnige Mann hatte in dem Momente „die elende Denunciation" Budweisers bei Reb Michoel Bacharach, wie er sie früher in seinen Gedanken bezeichnete, ganz vergessen; aber als Budweiser seine lange Rede mit einem wilden Angriff auf ihn schloß, da flammte urplötzlich wieder der alte Haß in ihm auf. Budweiser warf ihm das vor, was ihn — Wodolka — eben zur unedlen Rache getrieben hatte, und er schrie laut auf: „Ich bin e Moßer?! Ihr habt mich gemäßeres; Ihr habt zum Rebbe gesagt, er soll mir den Chower nit geben, weil ich die Schneiderei nur so lang' abgelegt Hab', bis ich den Chower bekomm . . . wenn ich ihn Hab', werd' ich wieder Schneider werden .... das war eine größere Lumperei, denn das war scheker!" Die Jargonade Wodolka's ließ Budweiser rasch wieder in die gewohnte Sprachweise des Ghetto's zurückfallen, und er rief: „Rabbohsai, der Jüd is meschuge! — ich versteh' ka Wort von dem, was er plaudert!" „Was?!" schrie Wodolka in höchster Wuth, hart an Budweiser herantretend, der ihm treuherzig in's Gesicht blickte, „Du leugnest noch .... Du . . . Du . . er fand kein richtiges Wort, keine Bezeichnung dieser Frechheit! „Jetzt hat er gered't, Rabbohsai . . . jetzt laßt mich reden!" Budweiser trat einen Schritt zurück, er war