Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1876)
- Date
- 1876-04-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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372 leine Antwort, aber von dem einzigen Bruder Moses Grünblatt. In unorthographisch geschriebenen und antigrammatisch gebildeten Worten zeigte er an, daß die Eltern aus Kummer um die ungerathene Tochter gestorben seien und daß er keinen Verkehr wolle mit einer Schwester, die seinen Eltern so großen Kummer bereitet habe. So hatte denn Carolina lange nichts von ihm gehört. Da, vor wenigen Wochen, war ein Brief von ibm gekommen; der gute Moses bot der in's Unglück gerathenen Sckwester seine Hilfe an. Er wohne, schrieb er, in Pfaffenbeerfurt, nicht weit von Beerfelden; dort habe er »eingeheirathet" und befinde sich in leidlich guten Umständen. Wenn er der Schwester hersen könne, so sei er bereit. Carolina hatte sich daraufhin entschlossen, ihren Sohn bei ihrem Bruder unterzubringen. Binjamin sagte zu allen« dem teiu Wort: er ließ scheinbar ruhig Alles über sich ergehen; seitdem sein Schimmel, seine Bulldogge, seine Gewehre verkauft worden waren, schien er für nichts mehr Sinn zu haben. Mit ihren Gedanken beschäftigt, saß Carolina schweigend im Wagen; schweigend saß an ihrer Seite ihr Sohn. Endlich war die lange Reise, Berg auf, Berg ab, vollbracht. Der Omnibus hielt vor dem goldenen Hirsch in Michelsiadt. Vor dem Wirthshause stand ein Mann im blauen Kittel, einen Knotenftock in der Hand, eine schmierige Mütze auf dem Haupte, eine kurze Pfeife im Munde. Der Conducteur öffnete den Wagen. „Carlinchen, Carlinchen!" rief der Mann im Kittel hinein, „Carlinchen, bist Du mitgekommen!" Fragend sah Binsamin seine Mutter an. „Es wird mein Bruder Moses sein!" sagte diese. Binjamin schauderte. Carolina stieg aus; sie betrachtete den „Carlinchen"-Rufer, und dieser betrachtete sie. „Bist Du's, Carlinchen?" fragte^er, „bist Du aber alt geworden!" „Du bist auch nicht jünger geworden, Bruder Moses!" antwortete die Schwester. „Ist der da Dein Bub?" fragte der Bruder. „„Das ist mein Binjamin."" „Du also sollst bei mir bleiben! Wirst Du auch brav sein?" Binjamin antwortete nicht. „Ist der Junge blöde?" fragte Moses die Schwester. „„Moses,"" sagte diese, „„das Kind ist verbittert; es hat gar zu viel verloren. Kannst Du es ihm verdenken?"" „Wollt Ihr etwas essen und trinken?" fragte Moses. Carolina schüttelte den Kopf. * „So wollen wir uns auf den Weg machen; es sind drei gute Stunden zu gehen!" sagte Moses. „„Zu gehen?"" fragte Carolina. „„Sollen wir zu Fuß gehen?"" „Da reiten wir auch Keinen um!" lachte Moses. „„Und wer soll unser Gepäck tragen?"" „Ich lasst es morgen holen." Die Gesellschaft machte sich auf den Weg, der über Berg und Thal ging. Es waren die heimathlichen Berge; arm hatte sie Carolina einst verlassen, arm kehrte sie in dieselben zurück. „Siehst du das alte Gemäuer da oben?" fragte Moses Grünblatt seinen Neffen. „Das ist die Rothenburg. Da hauste einst der Ritter von Rothenburg; es war ein mächtiger Herr und angesehen und reich; Fränkisch-Grumbach war sein, Reichelsheim war sein, Pfaffenbeerfurt war sein. Aber er that nichts als auf die Jagd gehen und trinken und spielen. Da ging Reichelsheim daraus, Fränkisch-Grumbach ging darauf und Pfaffenbeerfurt auch. Der Ritter starb im Elend, sein Schloß zerfiel, und jetzt sagt man, ziehe er in finstern Nächten jagend durch die Gegend. Merke dir's Binjamin, der Mensch ist nicht auf der Welt, um zu jagen und zu trinken und zu spielen!" Sie kamen endlich nach Pfaffenbeerfurt. Vor einem kleinen Hause stand eine kleine wohlgenährte Frau und rief schon von weitem: „Jißgoddelkumm, Geschwei, jißgoddelkumm Geschmeiß!" Die kleine Frau war Moses Grünblatts eheliche Gemahlin. Man mußte sich bücken, um durch die HauSthüre in das Haus einzutreten; die Zimmerdecke war so niedrig, daß sie den Leuten im Zimmer auf dem Kopfe zu liegen schien. Das war Binjamin Hirschfelds neue Heimath. (Forts, folgt.) *) Gottes Willkommen, Schwägerin. Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Fofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger.)