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Der Israelit · 1876-04-26 · Heft 17 (26.4.1876) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 17 (26.4.1876)
Date
1876-04-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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371 Bis Stockstadt ging damals die Eisenbahn, die vom Rhein nach Bayern führte; die anschließende Strecke wurde erst gebaut. Wer weiter reisen wollte, mußte die bereitstehenden Fuhrwerke, Post, Droschken, Omnibus benutzen; ebenso, wer den Odenwald zu besuchen die Absicht hatte. Unter den Ausfteigenden befanden sich eine vergrämte, vor der Zeit alternde Frau und ein trotziger Junge. „Fahren wir mit der Post, Mutter?" fragte der Knabe. „Nein, mein Kind," antwortete die Frau, „wir müssen sparen. Steigen wir in den Omnibus!" „Nach Aschaffenburg?" fragte der Conducteur, als sie einsteigen wollte. „Nein, nach Michelstadt!" „Der Wagen nach Michelstadt fährt erst in einer Stunde ab," sagte der Conducteur. „Gehen Sie dort in den Gasthof zur Eisenbahn, da wird der Wagen Vorfahren!" Die Beiden folgten der Weisung des Conducteurs, gingen in den Gafthof und ließen sich Brot und Bier kommen, das sie stumm verzehrten. Die Reisenden in dem armseligen Wirthshaus zu Stockstadt, die, um zu sparen, in dem Omnibus fahren wollten, waren Carolina Hirschfeld und ihr Sohn Binjamin. Als David Hirschfeld vom Schwurgerichte zu M. freigesprochen war. mußte folgerichtig angenommen werden, daß nie ein Testament existirt habe. Es gehörte also der ganze große Nachlaß Salomon Hirschfelds dem Neffen und nicht dem Enkel. David benahm sich sehr nobel; er versorgte die alten Dienstboten seines Onkels, er machte große Stiftungen für Synagoge und Schule, für Kranke und Arme; nur für Frau Carolina und deren Sohn war er nicht zu bewegen, das Geringste zu thun. Trotz vielseitiger Bitten blieb er hart wie ein Stein. Der Rabbiner von W., dem er eine große Summe anbot, schlug jede Belohnung aus. Aber auch der Fürbitle dieses würdigen Mannes für die Wittwe und deren Knaben weigerte er sich auf das Entschiedenste Folge zu leisten. „Wassagte er, „die . . ., die mich mit aller Gewalt in's Zuchthaus bringen wollte?'Die alle meine Anerbietungen abgelehnt hat. als es noch Zeit war — nicht einen Heller; nicht sie nicht ihr ... . Sohn, nicht einen Heller! die Schauspielerin, die . . .! Wer weiß, ob ihr ... . gar meines Oheims Enkel ist! Sie hat kein jüdisch Herz; er hat kein jüdisch Herz. Nein seine, Voreltern haben nicht am Berg Sinai gestanden!" Als nun der Rabbiner die angebotene Summe nehmen wollte, verlangte David zuvor das Versprechen, daß das Geld nicht an Frau Carolina gegeben werden dürfe. „Sie wissen nicht, Herr Rabbiner," sagte er, „was es heißt, unter Lumpen und Vagabunden in Untersuchungshaft gesessen zu haben, von diesen als ihresgleichen betrachtet zu werden, bei Tag keine Ruhe, bei Nacht durch böse Träume, von Zuchthaus und derlei schönen Dingen gequält zu werden! Hat die . . .'. Erbarmen mit mir gehabt? Und ich soll Erbarmen mit ihr haben? Mag sie's büßen!" Da der Rabbiner das verlangte Versprechen nicht leisten wollte, so gab ihm auch David das Geld nicht. Unterdeß kamen die Gläubiger des verstorbenen Philip' in Schaaren herbei. Das Landgut, die Pferde, die Hunde, die Möbel mußten verkauft werden. Nur ihren Schmuck und ihre Garderobe durfte Carolina behalten; als nach fast Jahresfrist Alles geordnet war, blieben ihr nicht ganz zweitausend Gulden. Von dem Ertrage dieser kleinen S'.mme konnte sie nicht leben. Sie mußte darauf denken, wovon sie und ihr Sohn sich ernähren könnten. Carolina gedachte zum Theater zurückzukehren: ihren Sohn wollte sie bei ihrem Bruder in Pfaffenbeerfurt, einem Dorfe im Odenwalde, unterbringen.! Mutter und Sohn hatten ihr einfaches Mahl j vollendet. Der Omnibus kam und nahm sie auf, i um sie nach Michelstadt zu bringen. Carolina > saß am Fenster des Wagens und erblickte die i heimathlichen Berge wieder. Wie lmge hatte sie! dies Gebirge nicht gesehen! Dort hinter jenen j Höhen war sie geboren, in Beerfelden. Sie war j die Tochter armer, aber braver Landleute. Ein j halbes ...ind noch hatte sie einen Dienst suchen! müssen; sie hatte einen solchen gefunden bei dem! reichen Banquier Bärenkehl in D. Hier hatte sie! einen jungen Schauspieler kennen gelernt; der hatte! ihr den Kopf verrückt, und sie war mit ihm ent-! floher zum großen Leidwesen ihrer armen, aber! rechtschaffenen Eltern. Der junge Schauspieler! verließ sie bald; Carolina aber hübsch und mit glänzenden Anlagen begabt, tiatte unterdeß so viel oberflächliche Bildung gewonnen, daß sie in kleinen Rollen verwerthet werden konnte; sie fand ein Engagement in M. Hier lernte sie Philipp Hirschfeld kennen, der, wiewohl Bräutigam, seine Verlobung rückgängig machte, um die Schauspielerin zu heirathen. Jetzt, als reiche Frau Hirschfeld, hatte Carolina an ihre Eltern geschrieben und deren Verzeihung erbeten. Von den Eltern kam

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