Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1876)
- Date
- 1876-04-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XVII. Jahrgang. Erste Beilage j« Nr. 16 -es Äsraelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Lanpheim. Wir haben hier eine Synagogenordnung, oder richtiger gesprochen, eine Synagogenunordnung, wie keine zweite im Württemberger „Ländle" zu finden sein dürfte. An den Sabbat - und Festtagmorgen versammeln sich in der Nähe des Gotteshauses in Unterhaltungslocalen Diejenigen, die nicht die Ersten beim Gebete sein wollen. Da werden eine zeitlang Geschäfts- und sonstige Tagesneuigkeiten herüber und hinüber erzählt^ dann zieht eine Partie um die andere in die Synagoge, die eine kömmt ungefähr zu r>v272, die andere zu und die dritte gar zu y'V. —• Das heißt man das jo -in (spät) kommende Geschlecht. Es gibt aber auch ein in (früh) gehendes Geschlecht. Wenn die Predigt beginnt, verlassen Viele das Gotteshaus und kaum hat der f?n das recht begonnen, so entfernen sich noch weit mehr. Zu diesem unanständigen Verlassen des Gottesdienstes vor seiner Beendigung, wodurch Ordnung und Andacht in auffallender Weise gestört wird, macht das Vorsteheramt den gleichgiltigen Beobachter, läßt 7 gerade und 8 ungerade sein, ja, mehrere der Herren Vorsteher sind sogar stets in Reihe und Glied dieser Frühenteiler zu suchen und zu finden. Du fragst mich, mein lieber Leser, wenn es auf diese Art gestattet ist, in Mitten des Gottesdienstes die Synagoge zu verlassen, um etwa frühzeitig eine Promenade zu machen, in's Wirthshaus, auf's Lesezimmer oder nach Hause zu gehen, wie wäre es, wenn zehn Leute aus dem Tempel sich entfernen würden, um ein po abzuhalten? würde da auch mit gleicher Nachsicht vorgegangen werden? würde man auch da die Rolle des on'? ow; int NT, „sie haben Augen und sehen nichts," spielen? — Diese Deine Fragen will ich durch ein Ereigniß, das sich erst neulich hier zugeiragen, zu beantworten suchen. Höre, urkheÄr jsaail — nn» 'e hatte Herr Moses Nathan Jahrzeit. Da Jahrzeithabenden nicht gestattet ist, das »mp laut zu sprechen, so ging Nathan nach dem Einheben der Thora mit etlichen Freunden nach Hause, um hier mit po das p>vio zu beten und das vnp zu sprechen. Das Hinausgehen aus dem Gotteshaufe geschah aber ohne alle und jede Störung, nicht alle auf einmal, sondern nach und nach mit noch mehreren Persönlichkeiten, die gewohnheitsgemäß allsabbatlich dem Gottesdienst frühzeitig den Rücken zuwenden. Und doch wurden die Minianiden, zu denen auch ich die Ehre hatte gezählt zu werden, schon auf Sonntag, den 20. Februar, vor's Forum des Vorsteheramts geladen, um sich zu verantworten. Wir wußten im Voraus nicht, ob der Hauptklagevunkt das po machen, oder das Synagogenverlassen werden wird, doch bald konnten wir schließen, daß ersteres den Kern der Beschuldigung bilden muß und letzteres die Schale. Den Beweis erhielten wir gleich dadurch geliefert, weil außer uns Minjanleuten noch zwei weitere Individuen, die das Argusauge des Denuncianten mit uns auS der Synagoge gehen sah und irrthümlich auch als Minjangänger auf gleicher Liste mit uns zur Anzeige brachte und als diese tzor dem Vorsteheramte erklärten, sie feien nicht bei po gewesen, so wurden sie, ohne daß ihretwegen irgend ein Buchstabe zu Protokoll genommen wurde, mit einem kalten über die Achseln hingeworfenen „so!" entlassen. Da das pomachen nach dem Reichsgesetze nimmermehr verboten ist, so kann man freilich dem Kerne nicht gut etwas anhaben, wohl aber an der Schale tüchtig herumknacken. Einen einzigen interessanten Moment bietet die Verhandlung dadurch, daß Herr Vorsteheramtsbeisitzer Simon H. Steiner unser Vorgehen als Complott bezeichnet wissen wollte. Also eine Verabredung, pa zu machen, nennt man Verschwörung. Wie weit ist's doch mit der Aufklärung gekommen! Herr Steiner! erlauben Sie mir eine Frage. Wenn z. B. am s"’ zehn schwarzbefrackte Herren aus der Synagoge gingen, um zusammen tadls ä'bots zu speisen, wre's schon vorgekommen, hätten Sie auch den Muth, dieses pa eines Komplotts zu beschuldigen und anzuklagen? — Gewiß nicht. Das Urtheit ist noch nicht gefällt. Sobald un Eröffnung desselben gemacht sein wird, werde ich das Resultat bekannt geben. NotherrbltVg an der Tauber, im März. Unter den Städten, wo durch den Fanatismus deS Mittelalters unsere Glaubensgenossen verbannt wurden, nimmt wohl der hiesige Platz nicht die letzte Stelle ein. Dreimal wurden die Juden ver-