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Der Israelit · 1876-03-22 · Heft 12 (22.3.1876) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 12 (22.3.1876)
Date
1876-03-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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268 ich habe Dich in meiner Gewalt; denn vor dem Gesetze bist Du mein eheliches Kind nicht." David traute seinen Ohren nicht; er meinte, der Alte rede im Fieber. „Wisse," fuhr dieser zu reden fort, „Deine Mutter war meine zweite Frau, die Schwester meines ersten, verstorbenen Weibes. Eine solche Ehe war damals, in der französischen Zeit, verboten; ich heirathete Deine Mutter bloß nach jüdischem Gesetz. Als später das Staatsgesetz geändert wurde, da war Deine Mutter schon todt. Vor dem Gesetze bist Du ein uneheliches Kind und erbst keinen Heller. Aber sei ruhig, ich habe in meinem Testamente Dich zu meinem Universal- Erben eingesetzt unter Der Bedingung, daß Du sowohl wie Dein Sohn dem Judenthume treu bleiben. Mein Freund, Or. Roland in M., wird, wenn er's annimmt, Testaments-Executor sein. Ich habe das Testament doppelt anfertigen lassen. Eins liegt im Archive des Notars Lambert, eins findest Du in meinem Schreibtisch hier. Philipp, bleibe Jude, ich bitte Dich! Laß auch den Binjamin nicht taufen!" Der Kranke schwieg erschöpft. David hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört. Eine wahnsinnige Freude erfaßte ihn. Er war der gesetzliche Erbe eines fürstlichen Vermögens! Verhältnisse waren ihm soeben aufgedeckt worden, von denen er keine Ahnung gehabt hatte! Dazu kam noch, daß das Archiv des Notars durch Feuer zerstört war. Er brauchte nur das Testament im Schreibtische zu beseitigen, und er ward zum alleinigen Erben ungeheurer Reickthümer. Der Kranke hatte sich wieder erholt. „Philipp," sagte er, „Dir ist mein Reichthum zum Nachtheil geworden. Allgütiger Gott, höre mein Gebet, ehe mein Sohn in seinem Uebermuthe meinen Enkel zum Abtrünnigen macht, so nimm ihm lieber den Reichthum, die Ursache des Uebermuths. Ich sterbe. Ich habe viel erduldet in meinem langen Leben, viel gelitten. In Deine Hand, mein Gott, befehle 'ch n.»inen Geist, da ich jetzt einschlafe, bis ich wieder erwache!" Der Kranke schlief ein. Die Wärter, Diener, Gemeindegenoffen traten wieder in das Krankenzimmer. Der Kranke kam nicht wieder zu sich; allmählich erlosch die Lebensflamme. David nahm die Schlüssel an sich. Er schickte die Wärter heim und übernahm es, die Nacht bei der Leiche seines Oheims zu wachen. Kaum»war er der einzig Lebende im Zimmer, so verschloß er die Thüren und verhängte die Fenster. Dann schloß er den Schreibtisch auf, das Testament zu suchen. Es war das keine kleine Arbeit; da lagen wichtige Papiere in Menge, aufgesammelt seit einem halben Jahrhundert. David suchte und suchte. Jeder Act, jedes Stückchen Papier glitt durch seine Finger. Gegen Morgen hatte er seine Arbeit vollendet. „Das Testament ist nicht da," sagte er. „Desto besser, so brauche ich es nicht zu vernichten. Ich bin ein Graf, ein Fürst, ein Herzog! Ich bin mehr als das: ich bin ein zweifacher Millionär!" Er schloß den Schreibtisch und trat an die auf der Erde auf Stroh gebahrte Leiche. „Gott hat Dein Gebet erhört, alter Mann," sagte er, „Dein Enkel wird sich nicht aus Ueberfluß an Reichtbum laufen lassen; Dein Enkel ist ein Bettler! Und all das Gold, das Du zusammengescharrt, ist mein, mein!" Aber die durchwachte Nacht und die wechselvollen Erlebnisse hatten seine Phantasie überreizt; es war ihm, wie wenn die Leiche sich aufrichtete und drohend die Hand gegen ihn erhob. Er schauderte. Dann faßte er sich und lachte über daS Phantasie-Gebilde Aber jetzt erwachte fein Gewissen. „Thue ich denn auch Recht, wenn ich dem verwaisten Knaben sein Eigenthum stehle? Ja, stehle, das ist das rechte Wort, und Gott hat gesprochen: Du sollst nicht stehlen! Nein, nein, ich will nicht stehlen. Aber eine Million und achtmalhunderttausend Gulden! Und dem Jungen gereichts nur zum Verderben. Da das Testament nicht da ist, so wird er sich taufen lassen, ein Verschwender werden, ein ausgelassener Mensch! — Was soll ich thun, was soll ich thun? — Und es wäre so schön! Ich zöge nach F., machte ein großes Haus, thäte viel Gutes! Wie sagt doch ' Schiller im „Fiesco": Wer eine Börse stiehlt, ist ein Dieb; wer eine Million stiehlt, ist ein genialer Mensch!. Es wurde an die verschlossene Thüre geklopft. Die Wärter waren da, um ihn abzulösen und ihn zu bitten, noch einige Stunden der Ruhe zu pflegen. Er ließ sich ein Zimmer anweisen und warf sich, zu Tode erschöpft, auf's Bett. (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction : Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben'- Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger.)

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