Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1876)
- Date
- 1876-03-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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267 Johanna, die habe ich in meinem Testamente bedacht. Aber Dir, Dir gebe ich nichts. Du bist kein aufrichtiger Mensch."" — Sonderbar, woher der Alte nur eine so schlechte Meinung von mir hat? Doch, der stirbt jetzt; sein Sohn ist todt. Sieh' zu, David, daß für Dich etwas herausspringt." — Mit sonderbaren Blicken sah der Bote den vor sich hin schwätzenden Begleiter an. David bemerkte es und schwieg. Dann knüpfte er ein Gespräch mit dem Manne an. „Wie ist eS denn gekommen," fragte er, „daß mein Onkel plötzlich so krank geworden ist? Er war doch gestern noch ganz munter." „„Er ist schon lange Zeit leidend,"" entgegnete der Bote, „„und die gestrige Besserung war nur wie ein Licht, das noch einmal aufflackert. Gestern Abend fing er an zu phantasiren. Dann ist plötzlich das Augenlicht erloschen; auch das Gehör hat ganz abgenommen. Wir haben heute Nacht einen großen Brand in P. gehabt; es war ein furchtbarer Lärm. Die Sturmglocke, die Trommeln, die Trompeten, das Rasseln der Spritzenwagen, das Schreien der Leute, und der alte Herr hat nichts gemerkt."" „Wo hat's k>enn gebrannt^ „„DaS Haus des Notars Lambert ist abgebrannt; die ganze Kanzlei mit. Das wird noch viele Prozesse geben. Der alte Lambert ist vor vier Wochen gestorben, ein neuer Notar ist noch nicht ernannt; auch die Schreiber sind noch nicht lange im Geschäfte. Das wird einen Wirrwarr geben! Soviel Testamente, Ehepacten und andere Acten find nun verbrannt!"" DaS war eine merkwürdige Nachricht, die David -a erhielt. „Wissen Sie nicht, ob mein Onkel ein Testament gemacht hat?" „„Warum sollte der alte Herr Testament machen? Sein Sohn würde sein Erbe gewesen sein, jetzt ist's sein Enkel. Uebrigens weiß ich eS nicht Der alte Herr war stets sehr verschlossen. Ich diene jetzt schon zwanzig Jahre im Hause; ich habe nie gehört, daß er mit Jemandem über seine Angelegenheiten gesprochen habe. Sein Sohn hat ihm doch vielen Kummer gemacht; aber niemals hat sich der alte Herr darüber ausgesprochen."" David dachte nach. Der etwaige Verlust des Testaments war ihm eineStheils leid, weil der Oheim seinen, Davids, Kindern Legate ausgesetzt hatte. Andererseits schien es ihm von Vortheil, da er, wenn keine andere Bestimmungen da waren, Aussicht hatte, als Vormund oder Beivormund die Verwaltung des großen Vermögens in die Hand zu bekommen. Die beiden Männer traten jetzt in die lange, bergige Straße von V. ein; die Gänse flohen vor ihnen her, wie das ja feit Jahrhunderten ihre berechtigte Eigentümlichkeit gewesen und auch wohl noch lange bleiben wird. Als David und sein Begleiter den ersten Hügel erstiegen hatten, konnten sie die noch rauchenden Trümmer des Notariats - Gebäudes erblicken. Ueberall standen die Bürger von P. in Gruppen beisammen und besprachen die verwickelten Verhältnisse, die aus dem Brande der Notariats-Archive erwachsen würden. David eilte an ihnen vorüber dem Hause seines Oheims zu. Als er dasselbe betrat, kam ihm der Arzt entgegen. „Was macht mein Onkel, Herr Doctor?" fragte er diesen. „„Es geht bald zu Ende/ " antwortete der Angeredete. „„Er ist zwar bei vollem Bewußtsein; Gehör und Gesicht sind aber fast vollständig erloschen. Er jammert unaufhörlich nach seinem Sohne. Warum aber ist Herr Philipp Hirschfeld mitbekommen?"" „Mein armer Vetter ist todt. Er ist zum Wagen hinausgestürzt, gegen einen Stein geschleudert worden und auf der Stelle todt geblieben." „..Entsetzlich! Sagen Sie bei Leibe dem alten Manne nichts davon. Er wird Sie für seinen Sohn halten. Warum dem unglücklichen Greise die letzte Lebensstunde vergällen? Uebrigens würde es Ihnen auch schwer halten, ihm irgendwelche Mittheilungen zu machen, da Gehör und Gesicht ihre Dienste versagen."" David ging in das Krankenzimmer. Da lag die abgezehrte Gestalt seines alten Oheims ausgestreckt auf dem Bette. „Philipp, mein Sohn, wo bleibst Du?" rief der Kranke. David ging auf ihn zu und ergriff seine Hand. „Ah, bist Du endlich da, mein Sohn? Ich will allein sein mit meinem Sohne! Geht Alle hinaus!" David winkte mit der Hand und alle Anwesenden verließen das Zimmer. „Philipp, mein einziges, heißgeliebtes Kind, Du hast mir vielen Kummer bereitet; doch ich verzeihe Dir. Aber wisse, eins darfst Du nicht thun. Du darfst Deinen Sohn nicht taufen lassen. Du meinst, ich könnte Dich nicht enterben? Ich kann's.