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Der Israelit · 1876-03-08 · Heft 10 (8.3.1876) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 10 (8.3.1876)
Date
1876-03-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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215 „„Ist es wahr, Mama, ist der Großvater sehr reich?"" „Ja, mein Kind, man sagt, er besitze eine Million Gulden." ..„Und all das Geld erbt der Vater, wenn der Alte stirbt?"" „Geh, sprich nicht so lieblos von Deinem Großvater " „„Aber, Mama, der Großpapa kann Dich nicht leiden, und deßhalb liebe ich ihn auch nicht. Und dann ist der alte Mann so sonderbar. Wann ich bei ihm bin, so soll ich „benschen" und „leinen" und Gebetriemen anlegen, und wer weiß, was sonst noch thun! — Doch, da höre ich einen Wagen rollen. Vielleicht ist's der Vater!"" Mit einem Satze war der Knabe zur Thüre hinaus. Hoch oben auf dem Berge, über den die Chaussee führte, erschien eine leichte Kalesche, die jetzt rasch den Berg herniederrollte. Binjamin erkannte die Equipage seines Vaters und lief dem Wagen entgegen, der bald vor dem Landhause hielt. Aber nicht Philipp allein stieg aus, sondern noch ein Mann und ein Knabe. „Ah, Binjamin!" ries Philipp Hirschfeld dem Bedienten, der herbeieilte, die Zügel der Pferde zuwerfend. „Freue Dich, ich bringe Dir Besuch mit! Sieh hier meinen Cousin David und seinen Sohn Theodor. Seid gute Kameraden, Kinder!" Er eilte in das Haus. An der Schwelle des Zimmers trat ihm sein Weib entgegen. „Was macht Dein Vater?" fragte sie. „Er hat sich wseder erholt" , antwortete ihr Gatte. „Ich bringe Besuch mit." „Ah, Vetter David", sagte Caroline, „und wer ist der Knabe?" „Das ist sein Sohn Theodor. Doch jetzt laß uns zu Mittag essen; ich habe entsetzlichen Hunger. Für unsere Verwandten mußt Du wohl einen Kaffee bereiten lassen; sie sind noch ein wenig vorweltlich und essen nicht mit uns." Unterließ hatte Theodor feinen Vetter Binjamin mit unverhohlenem Erstaunen betrachtet. „Heißt Du wirklich Binjamin Hirschfeld?" fragte er. „„Nicht Benjahmen, wie Du es aussprichst; das klingt garstig. Du mußt den Namen französisch aussprechen: Beng-fcha-meng, den Ton auf; die erste und die dritte Silbe legen! Dann klingt j der Name sehr hübsch, wie meine Mama sagt. j Doch was setzt Dich eigentlich so in Erstaunen?""! „Ich kann mir Niemanden vorstellen, der einen Jagdanzug trägt, ein Gewehr im Arme hat und Binjamin Hirschfeld heißt." „Und warum denn nicht?" " „Weil Binjamin Hirschfeld, selbst wenn ich Beng-scha-meng sage, ein jüdischer Name ist, und wir Juden nie zu den Jägern, sondern stets zu den Gejagten gehört haben." „„Aber mein Vater ist ein tüchtiger Jäger, und ich, ich will auch einer werden. Mein Vater muß mir eine bessere Flinte neuester Construction kaufen. Mein Geld reicht dazu nicht hin."" „Das glaube ich wohl." ^,.„Hm, ich hätte wohl so viel gehabt, wenn ich mir nicht dieser Tage eine hübsche, englische Buldogge für fünfzig Gulden gekauft hätte."" „Fünfzig Gulden! Wie alt bist Du denn?" „„Fünfzehn Jahre und drei Monate. Hat Dein Vater eine hübsche Equipage?"" Theodor lächelte. „Nein," sagte er, „so reich sind wir nicht!" „ „Was V rief Binjamin, „wie kann man denn leben ohne Pferde, ohne Wagen, ohne Hunde — habt Ihr auch keine Hunde?"" „Was sollten wir mit Hunden? Der Bruder meiner Mutter ist ein Metzger, der hält Hunde!" „„Du hast einen Oheim, der Metzger ist? Miserable Verwandtschaft!"" Theodor blickte Binjamin mit schmerzlichem Erstaunen an. „Du hast sonderbare Begriffe," sagte er. Sie traten in den Speisesaal. Für David Hirschfeld und seinen Sohn war ein besonderes Tischchen gedeckt. „Es thut mir leid", sagte Frau Caroline, „daß ich Ihnen nichts bieten darf als Kaffee und Brod und Butter. Allein es ist Ihr eigener Wille so." „Es ist mein eigener Wille so," wiederholte David. „Aber sag' einmal David," nahm Philipp das Wort, als der Angeredete und sein Sohn sich die Hände gewaschen und ihr einfaches Mahl zu nehmen begonnen hatten, „warum bindest Du Dich noch an diese mittelalterlichen Formen? Ein verständiger Mann wie Du sollte sich längst davon frei gemacht haben!" „Ja," entgegnete David, „warum gehen die Gänse barfuß? ' Weil ihre Eltern auch barfuß gegangen sind." „Vater, ich bitte Dich!" rief Theodor. „ES scheint das Ei will klüger sein als die Henne," sagte David verweisend. „Diesmal scheint das Ei nicht so Unrecht zu haben." entgegnete Philipp lachend, „laß hören, Theodor, hast Du andere Gründe für Deine Enthaltsamkeit als Dein Vater?"

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