Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1876)
- Date
- 1876-03-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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212 haben, was erb- und eigenthümlich ist, und wenn wir außerdem, trotzdem wir die M.norität bilden, etwas Schöneres haben als ander.' Confessionen, so sehe er nicht ein, warum wir dies aufgeben sollten. Als nachher einige unserer Partei bei ihm waren, um ihn zum Festhalten anzuspornen, gab er die feste Zusicherung, ja, sprach sogar sein Mißfallen darüber aus, daß Andere bei ihm gewesen wären, ihn umzustim en. Alle Welt glaubte nun, W. sei für uns , bis die Stadtrathsverha >dlung das Wahre feststellte. Das bischen Respect, welches er noch besessen, hat er dadurch eingebüßt. Nachträglich habe ich noch erfahren, daß ein Vorsteher. a für die Bestattung in Gernsheim, welche bereits in diesen Blättern erwähnt wurde, ein Leichenpaß zur Transportirung öthig war, beim Polizeicommissär gewesen ist und ihn ersuchte, er möge den Leichen- Paß verweigern, was aber rundweg abgeschlagen wurde. Inzwischen sind wieder zwei eichen vorgekommen, die des vr. med. Herz, am 13. Febr., und litt Kind von l1/* Jahren von einem Kunsthä dler Namens Cohn, gestern am 25. c. Ersterer war mit bei den Petenten, soll stine Unterschrift zurückgezogen haben und wurde hier begraben; das Grab kostete 16 Thlr. und wurden die Kosten von den Erben eingezogen. Bei dieser Gelegenheit waren viele Nichtjuden anwesend und hielt W. eine Rede des Inhalts, daß die Knechtschaft jetzt gefallen sei, daß wir Juden jetzt Anstellungen bekommen könnten und jetzt sogar im Tode friedlich neben unfern christlichen Brüdern ruhen könnten. Das beweise unser Bru er Her^ u. s. w. Das Kind starb am Mittwoch Nachmittag. Da W. dem vvw aufgetragen, sobald ein Fall vorkäme, ihm Anzeige zu machen, erhielt er diese am Abend noch und noch am selbigen Abend ging er hin, die Frau, da der Mann auf Reisen ist, zu überreden und ihr seine Dienste anzubieten, wofür selbige dankte. Darauf sagte er: „Sie lassen es doch ier begraben;" die Frau antwortete: „Ich lasse mein Kind jüdisch begraben, obgleich ich sonst nicht religiös bin." Als W. seine Ueberredungskunst versuchte, sagte die Frau: „Bitte, verschonen Sie mich, da ich selbst nicht wohl bin," worauf er abzog. Am Freitag, Morgens 9 Uhr, wurde die Leiche in einer Droschke fortgebracht. W. war zugegen , ging einige Straßen weit mit, um nicht wieder durch Abwesenheit zu glänzen. Hoffentlich werden nun diese Woche Schritte geschehen, ein Grundstück zu besichtigen und werden wir uns dann an die Regierung wenden. Wenn wir solches mit Gottes Hilfe fertig gebracht haben, werden wir uns auch um die Ändern nicht mehr kümmern hinsichtlich der mno rc. Zum Schluffe noch einen allerliebsten Artikel -us dem „Düsseldorfer Tageblatt". Derselbe lautet: „Vom Theater werden wir noch öfter erzählen; für heute gehen wir in frommer Rührung in die — ö.irche; und da wir Alle an einen Gott glauben und wir die christl. Kirchen Düsseldorfs bereits insgesammt besichtigt haben, so gehen wir einmal der Abwechsel ng halber in die Synagoge. Das prächtige, von den Baumeistern Deckers und Kühn in maurischem Styl erbaute Kunstwerk übt auf Jedermann einen erhebenden Eindruck aus. Es ist Samstag, die andächtige Gemeinde betet altteftamentarische Psalmen, die etwas ungemein Elegisches haben. Plötzlich wird es ringsum stille, der Prediger I)r. Wedel betritt die Kanzel. Alles erhebt sich. So wi es die Synagogenordnung. Nur ein Individuum bleibt sitzen. Der Rabbiner spricht die schönsten Redensarten. Auf einmal stockt sein Redefluß; die Maschinerie seiner Sprache scheint in Unordnung gerathen zu sein. Die Kinder Israels sind erstarrt. Die Töchter Zions fallen in Ohnmacht — das macht interresant. Was ist geschehen? welche Unthat ist verübt worden in den Hallen des Gotteshauses? der todtenbleiche Rabbiner blickt mit einem vernichtenden Blick auf den sitzenden reißenden Wolf in der frommen Heerde. Dieser Blick sagt Alles. Die Vorsteher der Gemeinde stürzen sich wüthend auf den Bosewicht, sie drohen mit Polizei, Staatscnwalt u. dgl., wenn er sich nicht erhebe, aber er rührt sich nicht von dee Stelle. Inzwischen steigt der Prediger von der Kanzel herab, ohne die Predigt zu vollenden und hat auf diese Weise 2 Fliegen mit einer Klappe geschlagen; die wahrscheinlich schlecht memorirte Predigt sich erspart und ein ihm verhaßtes Mitglied der Gemeinde blamirt. . . . Dieses drastische Predigermittel war unseres Wissens bisher blos in Amerika üblich und ist es eine wahre Freude, wie Düsseldorf auch in dieser Hinsicht immer mehr Weltstadt wird! Aus dem Bez.-Rabb. Pirmasetts-Rodalberr. Sie werden wohl noch wenig von unserer Gemeinde gehört haben, und ich bin daher überzeugt, daß Sie uns gewiß bereitwillig die Spalten Ihres geschätzten Blattes öffnen. Heute, am 29. UDttf war für die isr. Gemeinde dahier einer der denkwürdigsten Tage. Es wurde nämlich gelegentlich der Beerdigung der Wittwe Bär dahier der neue isr. Friedhof eingeweiht und zwar durch Herrn Rabbiner Seligmann in Kaiserslautern, welcher den beurlaubten Rabbiner, Herrn Oppenheim in Pirmasens, vertritt. Nachdem man mit der Leiche auf dem Friedhof angekommen war, sprach Herr Rabbiner Selig-