Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1876)
- Date
- 1876-03-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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fremd, und predigte er in seiner Muttersprache, aber nach wenigen Monaten schon hielt Dr. Stern eine geistvolle und gediegene Predigt in unserer Sprache. Auch sind seine Predigten bei verschiedenen Gelegenheiten in hiesigen Zeitungen veröffentlicht worden. Wir hoffen, daß Herr vr. Stern in unserer Mitte seine goldene Hochzeit feiern möge und wünschen ihm und seiner Frau Gemahlin und Familie Glück und langes Leben. Feuilleton. Mer aus dem alten Prager Ghetto. Erzählungen von S. Kohn, Vers, des „Gabriel" (Fortsetzung.) Siebentes Capitel. Und es war Dienstag, und es war Rösch - Chodosch *), ein doppelt glückverheißender Tag. Jacob Wodolka hatte sich fein gekleidet. Als seine Frau verwundert frug, weshalb er heute die Jomtow-Kleider trüge, sagte er: „Kann sein geh' ich auf die Kleinseit' zu Graf Milesimo, ich Hab' noch etwas Geld drüben zu fordern;" aber er ging nicht zum Grafen Milesimo, sondern schritt durch die sogenannte Schuppe, die breite Gasse durchschneidend, durch die Meiselgasse dem Hause am Dreibrunnenplatz zu, in wechem Rabbi Michael Bacharach, Chef des Rabbinates und erster Oberjurist der Gemeinde, wohnte. Er wollte ganz einfach um den Chower anhalten. Wenn er heute zum Rebbe ging, konnte das keinem Menschen auffallen. Hatte er doch dem allverehrten Rabbi einen kostbaren seidenen Kaftan verehrt, und sich hierdurch ein Anrecht auf die Ehre erworben, den Rabbi besuchen zu dürfen. Er hatte klüglich eine Zeit gewählt, wo der Rabbi ungestört war, wo man ihn sonst nicht stören wollte. Um halb 12 Uhr gewöhnlich, nachdem der Schiur abgehalten worden war, pflegte er von der Anstrengung des mehrstündigen Talmudvortrages auszuruhen. Rabbi Michael Bacharach wohnte im dritten Stockwerke. Auf Wodolka's bescheidenes Klopfen wurde die Thüre eines schmalen Ganges geöffnet, und auf seine Frage, ob der Rabbi zu Hause und zu sprechen sei, geantwortet: „Geht nur weiter und setzt Euch im ersten Zimmer, es ist Reb Mosche Budweiser drinnen — er wird sich ewadde nicht lang' aufhalten." „Reb Mosche Budweiser! ' wiederholte Wo-; dolka betreten und fast erschreckt. Es war eigeni thümlich, sein Leben lang hatte er diesen Menschen! in jedem entscheidenden Momente auf seinem Weg getroffen, und immer hatte er seinen Pfad gekreuzt! — aber heute schien es selbst dem gegen Budweiser voreingenommenen Manne, daß seine Anwesenheit beim Rebbe ganz außer jedem Zusammenhänge mit ihm stehen müsse, freilich wenn Budweiser herauskam und ihn im Vorzimmer sah, und er — Jakow nämlich — dann den Chower erhielt, konnte der kluge Budweiser leicht den Zusammenhang errathen und erkennen, daß Wodolka persönlich um diese Ehre bittlich wurde; aber jetzt zurückzutreten, schien ihm feige, was hätte sich der Schnellgabbe^) denken müssen? — Er trat also in das Vorzimmer, in welchem er sich ganz allein befand. Die Thüre des zweiten Zimmers war nicht fest geschlossen, er konnte jedes Wort hören, das gesprochen wurde, es war Reb Mosche Budweiser, der es jetzt führte. „Er is sonst ein ganz braver Mensch, e Bal Zdoke; ich Hab' wirklich keinen Taam^), ihn zu loben, mir is er e Szone, ich kann aber nix davor, — ich gönne ihm alles Gute — und die Wahrheit muß man sagen . . . aber ich bitt' den Rebbe inständigst, ihm den Chower noch nit zu geben, . . . wie ich's schon gesagt Hab' . . . jetzt hat er's abgelegt ... es ist jetzt ein volles Chodesch*) — aber wer kann schwören darauf, daß er nit wieder anfängt? — man muß sehen, ob er's auch lang aushält . . . anheben kann man wieder in e MiNut', nitwahr, Rebbeleben?" „Da seid Ihr gerächt ^)," entgegnete der Rebbe, „das is nit wie eine andere Sach', wo man Hasmone") braucht, — die kann er jede Minut' wieder anfangen. . . . E Chidusch 7), daß er s o lang' e ganzen Chodesch ausgehalten hat! . . . Nu! foppen wird sich das Bes-Din nit lassen . . . was ist da mehr^)?! hat er so lang' auf den Chower gewartet, kann er noch e bis'l warten!" Wodolka's Herzblut erstarrte zuerst zu Eis, dann wallte und wirbelte es in ihm heiß empor, daß er purpurroth im Gesicht wurde. Eine solche infame Schlechtigkeit, wie sie Budweiser ihm gegenüber ausübte, schien ihm noch nicht dagewesen von dem Tage an, wo der liebe Gott die Welt erschaf- 2) Ter für die persönlicben Dienstleistungen des Rabbiners bestimmte Diener. :>) Ernnd. 4) trin Atonal. 5) Da habt Ihr recht. 0) Vorbereitung. 7) (rin Wunder. 8) Was liegt daran. 1) Rcilinondtag.