Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1876)
- Date
- 1876-03-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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191 das Städtchen seiner Länge nach. Da geht es bergauf, bergab, vor Dir her fliehen die' Gänse, zu beiden Seiten stehen kleinere und größere Häuser, in denen sich Kramläden und Wirtschaften befinden. Das Steinpflaster ist herzlich schlecht, denn nur selten wird es ausgebessert und die gebirgige Gegend hilft den Ruin desselben beschleunigen. Beim Beginne unserer Geschichte, vor mehr als sechszig Jahren, sah das Städtchen gerade so aus wie heute, und die Gänse watschelten ebenso in den Straßen und flohen vor dem Fremden, her, gerade sowie sie setzt vor Dir herlaufen würden, wenn Du der Stadt P. einen Besuch machen würdest. Da, an einem Eckhause fesselt ein Stein Deine Aufmerksamkeit; er ist in Manneshöhe eigemauert und trägt eine hebräische Inschrift. Aber kein Mensch kann die Inschrift deuten; man liest die Worte und versteht ihren Sinn nicht. Wahrscheinlich war der Stein in der Mitte durchgebrochen, ehe er hiereingemauert wurde, und nur die zweite Hälfte der Verse — denn Verse sind's, das sieht man deutlich — bietet sich Deinen forschenden Blicken dar. Wo mag die andere Hälfte sein? Gehörte der Stein einem Leichenfelde an oder war es der Denk- und GründungS-! stein einer Synagoge? Bei welcher Gelegenheit; wurde er zerschlagen und seiner ursprünglichen Bestimmung entzogen? Das sind Fragen', die Niemand beantworten kann. Jedenfalls ist der Stein ein Zeugniß von den vielen Leiden, welche die Juden hier wie überall erduldet haben. Nach ir-; gend einer Judenvertreibung waren die Steine des j Friedhofes oder der verlassenen Synagoge als wohlfeiles Baumaterial benutzt worden. Zur Zeit des Beginnes unserer Erzählung; hatten die Leiden der Juden ihr Ende erreicht. j Mit bluttriefenden Schritten war die große fran-! zösische Revolution herbeigezogen und hatte allen z Unterdrückten Freiheit gebracht, den Geknechteten die Fesseln gelöst. Und nach ihr war der große Imperator gekommen und hatte die allgemeinen Menschenrechte proelamirt in allen Ländern, welche seine siegreichen Armeen eroberten. Auch P. gehörte zu dem großen Reiche des ersten Napoleon, und das schönste Haus mit großem, prachtvollem Garten, einst ein adeliges Besitzthum -- ein Jude hatte es erworben, ein Jude, der früher keinen Fuß breit Erde sein eigen hatte nennen dürfen. Aber in dem schönen, geräumigen, schloßähn-? lichen Hause des reichen Salomon Hirsch feld! herrschte Trauer und Kummer. Judith, die! junge Herrin des Hauses, lag im Sterben. Vor , ihrem Bette stand eine Wiege, in der das vier J Wochen alte, jüngste Kind der Sterbenden fried-! sich schlummerte. Die Kranke aber fühlte, daß ihre letzte Stunde angebrochen, daß sie Abschied nehmen müsse von dem guten Gatten und ihren drei kleinen Kindern. „Salomon," sagte die Kranke mit schwacher Stimme, „Salomon, ich muß sterben." Thränen entstürzten den Augen des Gatten. „Ich bitte Dich, Judith", entgegnete er schluchzend, „sprich nicht so." „Doch", sprach Judith, „ich muß davon reden, denn ich habe noch eine große Bitte an Dich zu richten. Nur vier Jahre war es mir vergönnt, geliebter Mann, an Deiner Seite zu leben, und nun muß ich Dich und die theuren Kinder verlassen. Habe Dank für all die Liebe und Freundlichkeit, die Du mir erwiesen. Gräme Dich nicht zu sehr um meinen Tod. Du wirst an der Seite einer andern Gattin noch Jahre des Glücks und der Freude erleben. Aber ich bitte Dich, führe meinen Kindern keine böse Stiefmutter zu, damit keine lieblose Hand meine Kleinodien rauh behandle. Versprich mir, daß Du meine Schwester Sara als Deine zweite Gattin heimsührst. Sie wird meinen Kindern eine liebevolle Mutter sein." Salomon brach in lautes Weinen aus; Thränen erstickten seine Stimme. „Weine nicht" mahnte Judith. „Gott hat es so gewollt. Sein heiliger Wille geschehe. Versprich mir, meinen letzten Wunsch erfüllen zu wollen; dann gehe ich beruhigt von hinneu." Mühsam stieß Salomon die Worte hervor, als er sprach: „Ich verspreche es Dir." „Habe Dank!" flüsterte Judith. Ich weiß, Du wirst Dein Versprechen halten. Jetzt scheide ich gern, denn meine Schwester wird mit mütterlicher Liebe für meine Kindlein sorgen. Auch Dir wird sie eine treue, liebevolle Gattin sein. Gott segne Dich, Salomon. Und nun noch Eins: Warte nicht zu lange, laß keine Fremde längere Zeit für meine Kinder sorgen; heirathe bald, sobald es unsere heilige Religion erlaubt. Und nun, geliebter Mann, rufe die frommen Frauen; ich bin müde, ich möchte schlafen." Mühsam unterdrückte Salomon den Ansbruch seines tiefen Schmerzes. Er ösinte die Thüre des Vorzimmers, und hereintraten die frommen Frauen, welche der Scheidenden die letzten Gebete vorzusagen bereit waren. Nach wenigen Stunden hauchte die gute Judith ihre reine Seele aus, und die drei Kinder Salomon Hirschfelds hatten keine Mutter mehr. Ungefähr drei Monate nach dem erzählten Ereignisse begab sich Salomon Hirschfeld nach L. in