Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1876)
- Date
- 1876-02-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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172 vorsorgliche Mutter vorbereiten ließ; mittlerweile war der Abend angebrochen, es war Zeit zur Synagoge zu gehen; und so kam es, daß Nathan mit seinen Lieben kaum einige Worte wechseln konnte, und erst Abends, als Vater und Sohn aus der Synagoge kamen und die Familie sich in der herrlich beleuchteten Stube an den Tisch setzte, erst, nachdem Budweiser nach guter alter Sitte seine beiden Kinder gesegnet hatte, kam Nathan dazu, ein ernstes Gespräch beginnen zu können. Er war ein junger Mann, den sein Vater schon etwas lernen hatte lassen. Er hatte sich, da das Handlungshaus, in dessen Diensten er stand, mit französischen und italienischen Firmen verkehrte, diese Sprachen angeeignet, und auf seinen Geschäftsreisen im Auslande auch Gelegenheit gefunden, sich ein gefälliges Benehmen zu erwerben. Er sprach ein correctes fließendes Deutsch. „Ich muß Euch, meine lieben Eltern, und Dir, liebe Schwester, sagen, der Hauptzweck meiner Anwesenheit ist, mir über das Benehmen meines Jugendfreundes Simon Rakonitz Klarheit zu verschaffen. Ich kann's nicht glauben, daß Simon mit dem Schritte seines Vaters einverstanden war." „Zugegeben, daß es so ist, — und ich glaube auch, daß es so ist," unterbrach ihn der Vater ernst, „was ändert das an der Sache?" „Sehr viel," erwiderte Nathan lebhaft. „Bisher hat Simon, wie ich höre, noch mit keinem Worte, mit keinem Buchstaben bestätigt, daß e r Ester ihr Wort zurückgibt, seines zurücknimmt. „Vater und Mutter ehren!" das ist vollkommen recht, — und, liebe Eltern, Ihr werdet mir zugestehen, daß ich diese Pflicht mit aller meiner Kraft zu erfüllen bestrebt war — aber . . ." „Gesund und stark und glücklich sollst Du sein und Gott soll Dich und Ester benschen*)," konnte sich die leicht gerührte Mutter nicht enthalten, ihren Sohn zu unterbrechen. Budweiser lächelte. „Ich weiß es, Du bist Deinen Kindern kein Szone," — sagte er zu seiner Frau gewendet; — „aber ich bin neugierig, Nathan, mit was für „aber" Du mir kommen willst?" „Aber," nahm Nathan das Wort wieder auf, „auch das Recht der Eltern hat seine Grenzen. Diese dürfen von ihren Kindern nichts Unrechtes verlangen; in diesem Falle dürfen dieselben nicht nur, sondern sie sind sogar verpflichtet, ernsten Widerstand zu leisten. Es heißt in der Thora2): Jsch Jmmo weowiw tirou we-es schabsosai 1) segnen. 2) Bibel. tischmoru') — und da erklärtf die Gemara*): Weshalb sind die zwei Gebote, die in gar keinem Zusammenhänge stehen, in einem Bibelvers zusammengefaßt? — um darzuthun, daß, wenn Vater und Mutter die Verletzung des Sabbates oder eines andern göttlichen Gebotes fordern, ihnen der Gehorsam verweigert werden muß! — Also, wenn die Eltern Unrecht fordern, wäre blinder Gehorsam ein Frevel. Und ist das Verlangen des alten Rakonitz nicht in der That ein Frevel? Ist meine Schwester nicht ein braves, schönes, tugendhaftes Mädchen? — hat sie ihrem Verlobten durch eine Handlung, ein Wort, einen Blick Grund zur Unzufriedenheit gegeben? — Daß wir für Ester oder vielmehr für meinen Schwager Rakonitz die Ehebewilligung so schwer erlangen können, ist doch weder ein Unrecht von uns noch ein Fehler von Ester! Wer kann dafür, daß hier noch Gesetze der albernsten und empörendesten Art herrschen, die jedem denkenden, fühlenden Menschen die Schamröthe der Entrüstung über die namenlose entsetzliche Entwürdigung seines Nebenmenschen auf die Wangen treiben — ah! — das ist für Simon Rakonitz kein Grund, meine Schwester zu verlassen . . ." „Nein, wahrhaftig nicht! — er thut's nicht und er hat auch nie die Absicht gehabt, dies zu thun," rief die kräftige Stimme eines jungen, schlanken Mannes, der leise hereingeschlichen war. und dessen Eintritt durch das laut geführte Gespräch nicht bemerkt worden war. — Ein lautes „Ah!" entfuhr den Lippen aller Anwesenden. Ester wurde purpurroth und ein Strahl der glücklichsten Zufriedenheit überzog ihr schönes, freundliches Gesicht. Alle hatten sich von ihren Sitzen erhoben, der leicht gerührten Mutter schoß das Wasser in die Augen, und als der Schwiegersohn ihr die Hände küßte, legte sie sie dann segnend auf sein Haupt. Er ergriff lebhaft die Hand feiner Braut. Nathan warf sich stürmisch in Simons Arme. „Ich wußte es ja," rief Simon mit vergnügtem Lachen, „mein guter alter Freund — wird kein solcher . . . Chammer sein, ein solches Kernmädel wie meine Schwester sitzen zu lassen; — das war nur ein unglücklicher Gedanke Deines Vaters . ." „Hm!" räusperte sich Budweiser nun so gewaltig, daß eine respectvolle Pause entstand, „Herr Rakonitz - sagen . . ." 3) Jedermann soll Mutter und Vater ehren und meine Sabbate heiligen! 4) Talmud.