Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1876)
- Date
- 1876-02-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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143 Rabbiner hatte Gustav Beer gekannt, er war ein sehr junger, lebhafter, hübscher Mann, der einem jungen Mädchen schon gefallen konnte. Meine Tochter stand allein, ganz verlassen auf der Welt. Das bisher nie gekannte Gefühl endlich ein festes Heim zu bekommen; ihre Unerfahrenheit, ihre große Jugend, alles das trug dazu bei, daß Sophie den Antrag des jungen Schauspielers freudig aufnahm Nachdem der Akt der Civiltrauung vorangegangen war, blieb dem würdigen Rabbiner, der kopfschüttelnd das junge Paar — halbe Kinder — vor sich treten sah, nichts anderes übrig, als auch die Trauung nach jüdischem Ritus vorzunehmen. Gustav Beer; oder wie seine Papiere auswiesen, Gustav von Eberstein, war nicht einmal großjährig! .... Der Rabbiner gab den beiden jungen Leuten, die besten Lehren, die wohlgemeintesten Ratschläge, .... acht Monate später standen die beiden wieder vor ihm und verlangten geschieden zu werden .... Der junge Ehemann war meines armen Kindes bald überdrüssig geworden: verschwendete mit fremden Weibern seine geringen Einnahmen und meine Tochter mußte sich nach wie vor durch ihrer Hände Arbeit ernähren. Trotzdem sie wußte, daß sie bald, auch ein kleines Kind zu erhalten haben würde, wollte sie dennoch lieber Alles erdulden, als ihr Schicksal an das eines leichtsinnigen, sinnlichen, sich jeder ncuerstehenden Neigung rücksichtlos hingebenden Mannes, noch ferner gekettet zu sehen. Acht Monate nach der Trauung nahm der Rabbiner die Trennung, — wie er mir sagte mit mehr Beruhigung als jene vor — zwei Monate nach der Scherdung, ward dieses süße Kind — Zöllner erhob sich um sein Enkelchen zärtlich an seine Brust zu drücken — geboren. . . „Ah! Gott, tausendfach gelobt!" riefen Franke und Eberstein gleichzeitig, beide küßten und herzten das Kind, das seine großen schwarzen Augen aufreißend, nicht zu begreifen schien, weshalb es plötzlich der Gegenstand so vieler Theilnahme geworden. „Ah! das ist Josephs Enkel," rief Eberstein . ... ich kann auch an Gustavs Kind gut machen, was ich an Joseph, wenn auch nicht mit vollem Willen verbrochen . . . o! Allgütiger!" Franke gerieth in eine Aufregung, wie sie Eberstein noch nie an ihm gesehen, mit bebender Lippe sprach er die Benediktion. „Boruch hatow wehametiw" *). Thränen entstürzten seinen Augen, sein Gesicht war bochgeröchet, seine Brust hob und senkte sich vor innerer Erregung. Dieser hohe *) Gelobt seift Du Allgütigcr, Beglückender. Grad von Entzückung war selbst Eberstein auffallend; „aber was hast Du, Franke?" rief er, „was machst Du?" „Ich? .... Ich danke Gott aus tiefster Seele," entgegnete Franke „der Alles wunderbar gefügt, wunderbar! erstaunlich!" Franke konnte sich nicht fassen, die Papiere, daß das Alles so wahr ist ... . Trauschein .... Scheidebrief, rief Franke stürmisch ... . „geben Sie mir, Zöllner , rasch.das Lebensglück von vier Menschen hängt davon ab, daß Sie die Wahrheit sprechen." „Ich spreche die Wahrheit.und hier sind die Belege, Trauschein, Scheidebrief, Geburtsschein, Alles, Alles und .... ich muß mich jetzt doch etwas kürzer fassen .... das Reden fällt mir schon schwerer, — Zöllner athmete tief auf — auch das Athmen, selbst das Festhalten der Gedanken .... auch mein Testament .... meine Enkelin Dorothea von Eberstein ist . . . ist meine Universalerbin .... anderthalb Millionen Thaler .... Depotscheine liegen schon dabei, auf ihren Namen lautend.Robert, es ist Ihre Großnichte .... Sie sollen ihr Bormund sein." „Mit Vergnügen, mit vielem Vergnügen" unterbrach ihn Eberstein bewegt. ..Das Capital ist . . bei Euch .... im Geschäfte „Jonas Ebers" zu behalten .... mein kleines Mädchen.mein Enkel Dorchen soll an ihres Vaters Stelle stille Gesellschafterin des Hauses sein .... Robert Eberstein, Sie haben keine Kinder, vertreten Sie an Dorchen Vaterstelle . . . ." ,.Ja, das will ich, so war mir Gott helfe!" Zöllner war erschöpft niedergesunken, schon glaubten die Beiden es waren seine letzten Worte gewesen, aber erhob sich nach einigen Minuten wieder .... ich will zu Ende kommen, Ihr sollt Alles hören. Ich hoffe mein bischen Leben wird noch so lange Vorhalten. — Mein armes Kind war wieder allein und verlassen und batte noch für einen Säugling zu sorgen, aber — so erzählte mir der Rabbiner. sie war ein tapferes, edles Herz. Sie kämpfte lange einen harten Kampf gegen Elend und Armuth. Zu stolz um das Mitleid Fremder für sich oder ihr Kind in Anspruch zu nehmen, arbeitete sie Tag und Nacht Der Rabbiner, der das junge, brave, mutbige Weib achten gelernt hatte und sie gerne unterstützt Hütte, kannte nicht einmal ihre traurige Lage; und erfuhr sie erst nach ihrem Tode. Ich habe es gesagt, sie kämpfte einen Verzweiflungskampf gegen Armuth und Elend. aber diese waren starker als sie .... sie unterlag. Sie wurde von einem Lungenübel befallen .... ich kam 14 Tage zu