Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1876)
- Date
- 1876-02-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Feuilleton. Bilbtr aus dem allen Prager Ghetto. Erzählungen von S. Kohn, Verf. des „Gabriel" (Fortsetzung.) Fünftes Kapitel. Das war eine große Neuigkeit in der Gaß'). — Jakow Wodolka gibt die Schneiderei aus! — und die halbe Kille, auch die Leute, welche andere Sorgen hatten, und merkwürdigerweise diese am meisten, beschäftigten sich mit diesem Ereigniß. —- Nach lebhaften und erregten Discussionen h^tte die überwiegende Majorität der Müßiggänger doch diesen Schritt gut geheißen. Gar Viele beneideten Maier Harras, Jakows bishergen Altgesellen, dem das schöne Geschäft wie eine reife Frucht in den Schooß fiel. - Der eitle Jakow Wodolka konnte und wollte nichts, wie ein anderer Isewöhrrlicher Mensch oder Schneider, thun. Er wollte seine Handwerkerlaufbahn mit einem glänzenden Knall- Effecte schließen, und der Endpunkt seines bisherigen Lebensweges sollte den glanzvollen Beginn einer neuen Aera bezeichnen. Das letzte Meisterwerk, das aus seiner Werkstatt hervorging, sollte eine prachtvolle seidene Schnbetze^) sein, die er dem damaligen Rosch Bes Din Reb Mechoel Bacharach, demnach dem Ableben des letzten Prager Oberrabbiners Ezechiel Landan s. A. an der Spitze des Rabbinates stand, zum Geschenke machen wollte. Ueber die Motive, die Jakow Wodolka zu dem — wie es schien, plötzlichen — Entschlüsse drängten, waren die Meinungen getheilt, und die allersonderbarsten Ansichten hatten, wie dies gewöhnlich zu geschehen pflegt, die meisten Anhänger. Die Einen, die wenigen Vernünftigen,! behaupteten, Wodolka sei ein reicher Mann, und j habe es nicht nöthig, sich mit den Kunden zu ärj gern. Andere, die sich mit einem so einfachen! simplen Grunde nicht begnügen mochten, ließen I ihn großmüthig zu seinem bedeutenden Vermögen! noch einen Terno machen, und in der Barbicrstube! hatte ein sinnreicher Kopf zur weitern Ausschmückung 1 2 eine offenbar von ihm erfundene Ausweitung dieses Gedankens erzählt, wonach ein hundert Jahre lang todter Oberdad die verwandtschaftliche Rücksicht gehabt hatte, dem Schneider im Traum die Nummern, auf denen er eben den erlogenen Terno gemacht hatte, anzugeben, ein Umstand, der in vie¬ 1) Iudcnstadt. 2) Kaftan, langes bewand. len Lvtteriegewinnstbedürftrgen und auch sonst mcht mit besvndern geistigen Gaben Begnadeten den festen Willen hervorrief, sich gleichfalls von ihren respectiven Oberdaden im Cholem die richtigen Nummern mittheilen zu lassen. Andere sprachen ihre bescheidene Meinung dahin uus, daß Jakow Schneider eine große Jeruscho'^) gemacht und diese wie billig, und damit stimmten sogar jene überein, die es gar nicht glaubten, vor der jüdischen Steuer- Direction verheimliche. Ein Anderer, mehr das Ungewöhnliche liebend, erzählte mit treuherziger Miene, er wisse durch den Lehrbuben des Schneiders das einzig Richtige. Jakow Wodolka hätte, um in den Ruhestand zurückzutreten, nur gewartet, bis er genau soviel tausend Gulden haben werde, als er alt sei, und da habe der S'char Melocho '), den er vorige Woche vom Roschhakohol für einen feinen blauen Jome depa'gre^) Rock erhalten, bis auf einen Kreuzer genau sein Vermögen auf den oben angeführten Betrag ergänzt. — Wir könnten noch eine große Zahl von Gründen, welche man conjecturirte, anführen, aber wir begnügen uns, unfern Lesern einige auserlesene Proben sinnreicher Combinationen anzuführen, und haben flache alltägliche Erfindungen mitzutheilen vermieden. Wir kennen die Unrichtigkeit aller dieser Vermuthungen, und daß bloß Feiwel Jerig, der der geistige Urheber dieser Idee war, das Wahre von der Sache wußte: Jakow Wodolka wollte in einiger Zeit um den Chower candidireu, und da mußte er dem Schneiderhandwerk Valet sagen. — Die ersten Tage konnte sich Jakow Schneider, — den Namen konnte er nie los werden — in die neuen Verhältnisse nicht gut einfinden. Der Tag schien ihm schrecklich an Länge zugenommen zu haben; aber er wußte bald seine Seit in anderer als gewohnter Weise auszufüllen. Vor Allem nahm er einen Hausrebbe auf, der täglich zwei Stunden bei ihm zubrachte. Eine derselben benützte er, um sein mit der Zeit etwas schadhaft gewordenes talmudisches Wissen — aus seiner Knabenzeit herrührend — zu repariren, alle Lücken auszufüllen; in der zweiten erzählte ihm der Rebbe, was er in andern Häusern gesehen und gehört. Er entwickelte auch als Kadern eine rühmenswerthe Thätigkeit. Es gab keine GsffH), bei der er nicht anwesend, keine Kwure^), der er nicht assistirt hätte. Auch besuchte er wacker alle Kranken in der Gemeinde 3) großes lrrbtheil. 4) Arbeitslohn f>) Halbfeiertage. l>> Mitglieder der Beerdigungsbrnderschaft. 7) Ableben, Agonie. 8) Leichenbegängnis!.