Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1876)
- Date
- 1876-02-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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12o in Brand zu setzen, mich wahnsinnig zu machen drohte. Ich war fassungslos. Ich rauchte eine Cigarre; sie war ausgegangen, mechanisch suchte ich nach einem Fidibus,' sie wieder anzubrennen; auf dem Kasten lag ein Stoß alter Zeitungen, ich zog ein Blatt heraus, riß ein Stück ab, brannte mir mit diesem die Cigarre an und warf jenes auf dem Tische vor mich hin; stützte meinen Kopf in beide Hände und stierte völlig geistesabwesend auf das alte befleckte Blatt vor mir. Plötzlich, ich weiß wahrhaftig noch heute nicht wie so... . weshalb; — was konnte mich die alte Zeitung interesfiren? — blieb mein Auge auf einer Stelle haften .... ein jäher, furchtbarer, freudiger Schreck durchzitterte mich .... war ich schon wahnsinnig geworden? Hatte der eine Gedanke mein armes Kind zu finden — der mich seit wenigen Tagen erst — dafür aber desto machtvoller beherrschte, schon alle meine Sinne gefangen, diese meinen Wünschen blindlings unterthan gemacht? war's ein Jrrthum, war's ein Traum? .... ja gewiß, er war eine Halluncination .... die Buchstaben tanzten im feurigen Regenbogenfarbenspiel vor meinen brennenden Augen. Ich mußte Gewißheit haben, ein zweiter, ein Unbefangener, mußte mir bestätigen, daß ich richtig gelesen. Ich läutete, der Zimmerkellner erschien. „Ich bitte Sie, lesen Sie das, rief ich mit tödtlicher Spannung; Mit dem zitternden Finger auf eine Stelle des Blattes deutend. Der Zimmerkellner sah mich wie einen Verrückten an ... . aber er las . . . . o! ich weiß noch heute jedes Wort, das er gelesen: | Verehlichungen: Gustav Hartwig, Commerzienrath, > Wittwcr mit Frau Rosa Reinach, Doktors Wittwe. j Carl Neveutlov, Professor, mit Jungfrau Elisa- > beth Steudal, Negierungsraths Tochter . . . ." j ich kenne die Namen noch alle, ich habe nichts ver- > gessen .... weiter, weiter, rief ich keuchend; er! las eine ganze Reihe von Namen, die ich nie gej kannt, vielleicht nie gehört hatte; ich glaubte mich! schon getauscht zu haben, als der Kellner den Absatz mit den Worten schloß: Gustav Beer, reots Ebers von Eberftein, Schauspieler, mit Sophie Hammer aus Hamburg .... ich stieß einen Freudenschrei aus, riß dem überraschten Kellner das Blatt aus der Hand — es war, wie ich jetzt sah, der Altonaer Ta^esanzeiger, warf dem Ueberraschten ein Goldstück zu . . . Franke und Eberstein hatten sich beide bei dieser Mittheilung rasch erhoben. Eine mächtige Bewegung erfaßte sie. Frankens Lippen zitterten,! er faltete willenlos die Hände — Eberstein preßte! die Hände krampfhaft an feine Stirne, wie man i im höchsten Affekte zu thun pflegt, wenn matt zu : träumen glaubt. Beider Augen suchten unwillkürlich das kleine Mädchen, das am Bettende ruhig eingeschlafen war. „Der Sohn meines lieben, theuren Bruders Joseph; mein Neffe Gustav!" rief Eberstein; „der leichtsinnige Bursche, der aus unserem Hause entlief, weil er ohne, daß wir eine Ahnung von seinen schauspielerischen Neigungen hatten, zu unserem größten Berdrusse auf dem Sommertheater einer kleinen, miserablen, wandernden Truppe in Prag aufgetreten war, sich kaum dem Knabenalter entwachsen , in die Netze einer alternden Coquette hatte locken lassen, den wir deshalb mit gerechten Vorwürfen überhäuft, der geschworen, nie wieder die Schwelle unseres Hauses zu betreten und leider Wort hielt! .... der eigensinnige, leichtfertige, nichtsnutzige Trotzkopf! .'. . . aber bei alledem doch der Sohn meines lieben Bruders Josephs, den ich mehr liebte, als mich selbst!" „Zöllner! das kann nicht sein," warf Franke jetzt leidenschaftlich dazwischen .... ,Sie müssen sich irren .... es ist nicht möglich.... Gustav Eberstein ist allerdings seiner Neigung gefolgt, ist Schauspieler geworden und hat den Namen Beer angenommen; aber — Franke hielt sich den fiebernden Kopf; dieser Gustav Beer hat nicht Ihre Tochter, er hat Susanne Löwenstamm geheirathet, — das weiß ich gewiß, ich habe den Trauschein in Händen. Gustav Ebcrstein war ein sehr leichtsinniger, schon als Knabe leidenschaftlicher, trotziger, an schlechten Entschlüssen hartnäckig festhaltender, und sonst doch wetterwendischer, flatterhafter Mensch, aber er war kein Schurke er wird gewiß nicht eine Doppelehe eingegangen sein . . . Sie müssen sich irren!" — oder meinte Franke, leiser zu Eberstein gewendet „spricht er im Fieder." Zöllner hörte auch diese Worte. „Ich bin in vollem Besitze meiner Geisteskräfte" sprach er langsam in überzeugendem Tone „ich werde Alles mit Documenten belegen .... Sie werden sie prüfen und echt befinden .... . „Weiter, weiter," drängte Franke, in dessen Zügen sich eine freudige Spannung aussprach. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilage«. Berantwortlichr Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger.)