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Der Israelit · 1876-02-09 · Heft 6 (9.2.1876) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
17 (1876)
Issue
Heft 6 (9.2.1876)
Date
1876-02-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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119 werfen, in den Kerker führen; als ich mich des Nachts ruhelos auf meinem Lager wälzte, . . . . da erwachte in mir neben der Furcht vor dem menschlichen, — daS Entsetzen vor dem göttlichen Richter! weine grenzenlose Frechheit war mit einem Schlage vernichtet, meine Zuversicht gebrochen! — Ich hatte geglaubt, es gäbe keinen Gott! und was Menschensinn ausdenke, — dem könne auch Menschenklugheit entschieden Widerstand leisten — aber als ich zu spät inne wurde, daß es einen Gott gibt, der ein Schützer der Gedrückten, aber ein furchtbarer Richter der Bösen ist; — da chebte ich zusammen bis in das Innerste meiner angstzerwühlten Seele. — Was ich je Böses gethan, trat grauenhaft vor meine Seele und das Bild des Jenseits, das sich in tausendfach wechselnden, stets erschreckenden Bildern vor meinem geistigen Auge entrollte, quälte mich noch weit mehr, als die Furcht vor dem irdischen Richter! — Allen jenen, denen ich Böses gethan, nach Möglichkeit zu vergelten, den furchtbar strengen Richter, dessen allschauendes Auge, meine entsetzlichen Frevel gesehen, zu versöhnen — das, war das Einzige, was mir zu thun übrig blieb! — Ich fühlte es auch, ich mußte eilen, meine Lebenskraft war gebrochen! . . . „Als ich plötzlich von Breslau flüchten mußte, hatte ich die Wahl entweder nach Prag oder nach Hamburg zu fliehen. In Prag hatte ich Jeanette Cohen in den Besitz ihres Vermögens zu setzen; allein das konnte im extremsten Falle auch auf schriftlichem Wege geschehen — aber in Hamburg hatte ich ein Kind, meine Tochter! — Mit der namenlosen Angst um mein eigenes Schicksal, dies- und jenseits; mit der Erkenntniß, daß der rasche Glückswechsel und die furchtbaren Aufregungen meine Gesundheit in einer Art erschütterten, daß meine Lebenslage gezählt seien, war ein von mir früher nie gekannter Zug von Menschlichkeit, von Milde und Weichheit in'mein Herz gezogen; mich erfaßte mit einemmale, mir selbst fast unbegreiflich, eine tiefe, namenlose Sehnsucht nach meiner Tochter, die jetzt schon einundzwanzig Jahre zählen mußte .... was war aus ihr geworden? hatte sie vielleicht schon frühzeitig ihren einzigen Beschützer, ihren alten Großvater,' verloren? Hatte sie, während ihr gewissenloser Vater, gott- und pflichtvergessen im'reichsten Uebeiflusse, in Ueppigkeit schwelgte; ein armes, freudeloses, dornenvolles Leben fortgeführt? — war sie der Gewalt der Armuth. des Elends erlegen? Hatte die entsetzliche Härte und Herzlosigkeit ihres grausamen Vaters sie auf die breite verlockende Bahn des Lasters gedrängt? .... ich hatte nach Dorchen Hammer, wohl hunderte von Liebschaften gehabt — aber Dorchen war doch die erste gewesen, die meiner Verführung erlegen .... sie war früher ein reines, unverdorbenes, tugendhaftes Mädchen gewesen. Sophie Hammer war gewiß meine Tochter! ... . Wie von Furien gepeitscht, floh ich auf weiten Umwegen stets nur des Nachts reisend, von Breslau nach Hamburg, und hierbei kam mir ein älterer amerikanischer Paß, auf falschen Namen lautend, gut zu statten. — Wo sollte ich in der großen Stadt die Spur eines namenlosen, unbedeutenden Mädchens finden? Das große HauS Willner-Merkenstein bestand nicht mehr. Nach dem Ableben des Chefs waren die Söhne nach London übersiedelt, die Wittwe, zu ihrer Tochter, die in Paris verheirathet, gezogen; dann gestorben. Mit großer Mühe erfuhr ich, daß nach Philipp Hammer, ein gänzlich verlassenes Tochterkind geblieben war. Frau Merkenstein hatte sich der armen Waise angenommen, und sie einem Institute zur Erziehung übergeben. Man bezeichnete mir dieses. Ich eilte hin, züm Glück bestand es noch, und ich erfuhr, daß meine Tochter bis zu ihrem fünfzehnten Jahre dort geblieben, dann aber als Frau Willner-Merkenstein in Paris gestorben und die Beträge, die sie für meine Tochter regelmäßig eingesendet hatte, ausblieben, aus dem Hause, daS ihr wohl schlecht genug, die Heimath ersetzt hatte — entlassen wurde — armes, armes Kind! harter, grausamer Vater!" Zöllner seufzte tief auf, er mußte einen Moment innehalten. „Ich hatte jede Spur meines Kindes verloren, schon verzweifelte ich, sie je aufzufinden, als mich eine göttliche Fügung wieder auf diese leitete!" Zöllner konnte nicht mehr in so langen Absätzen, wie Vormittags, sprechen, er mußte öfter und längere Pausen machen. Die beiden aufgeregten Hörer mußten wohl oder übel ihre Ungeduld bezwingen. „Ich saß spat am Abende im Gasthofe in meinem Zimmer, eben darüber brütend, ob ich bei der voraussichtlichen Nutzlosigkeit, die Bemühungen, meine Tochter aufzusuchen, nicht aufgeben, und nach Prag reisen sollte; — aber der Gedanke, mein Kind nicht auffinden zu können, war für mich entsetzlich, unendlich peinlich! — Alle die Vaterliebe, alle die edleren Gefühle, die ich mein Leben lang verleugnet hatte, waren mit vielfach potenzirter Kraft in mir lebendig geworden .... Der Gedanke, aus der Welt zu gehen, ohne mein Kind gefunden zu haben, ihm nicht die Millionen, die ich erworben. als geringen Ersatz für das Glück der ewig verlorenen Jugendzeit bieten zu können, das war ein Gedanke, der mein Gehirn

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