Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 17 (1876)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1876)
- Date
- 1876-02-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XYII. Iahrgang. Erste Leilage;« Nr. 5 des Israelit. Leitender Artikel. Pie Iiumltaaschule. Aus der Rheinprovinz, im Januar. In dem leitenden Artikel der ersten Nummer dieses Jahrganges Ihrer gesch. Zeitschrift sagten I Sie, geehrtefter Herr Redakteur, daß die neue Schulorganisation gefährlich auf unsere Religion einwirke. Sie befürchten, daß durch das Aufheben der jüdischen Elementarschule und die allgemeine j Errichtung von Simultanschulnn das religiöse Le-° I den gefährdet, ja, im Keime erstickt werden könne, da unsere Jugend, wie Sie mit Recht sagen, mit einem drei - bis vierstündigen Religionsunterricht nicht genug habe. Diese Bemerkungen veranlassen mich zu dem ganz ergebenen Ersuchen, mir eine objektive Besprechung der hierher gehörigen Verhältnisse, mit Erwägung aller für uns gegen die Simultanschule sprechenden Umstände, in diesem geschätzten Blatte gütigft zu gestatten. Sollten auch meine Ansichten den allgemeinen Beifall Ihrer geehrten Leser nicht finden, so hoffe ich doch wenigstens durch diese Zeilen die Frage klar zu stellen und da, wo die Simultanschule bereits eingeführt ist, den Weg zur Wahrung der religiösen Interessen zu zeigen. Das Judenthum hat von jeher Humanität, .allgemeine Menschenliebe gelehrt und bethätigt. Diese allgemeine Menschenliebe ist die Grundlage des Liberalismus; fehlt sie ihm, so ist es eitel Schein, Luftgebilde. Denn Liberalismus ist doch zunächst Anerkennung aller Menschen, als solche, als freie Wesen, deren Unterdrückung Frevel gegen die göttliche Weltordnung involvirt: orDj6 dhdj/ an hdj/! Wir wissen es Alle zu gut, was die Außerachtlassung dieses Fundamentalsatzes des wahren Liberalismus dem Judenthum während langer, finsterer Jahrhunderte gebracht hat, wie die „Awo- )im" unsere Vorfahren zu „Unter-Awodim" heraboürdigten und den Menschen in ihnen nicht achteen. Gott sei Dank! Eine neue Aera ist angerochen. Die Sonne der 2 Humanität dringt llenthalben mit ihren leuchtenden, erwärmenden Strahlen durch und bescheint die Guten wie die )ösen, die Gläubigen wie.-die"Ketzer, lächelt Jeem zu, der Adam's Sohn ist. Besonders wir preußischen Israeliten haben, itdem der Cultusminister Dr. Falk die geistlichen und Schulangelegenheiten leitet, bedeutende Fortschritte in der Gleichstellung zu verzeichnen. Speciell auf dem Gebiete des Unterrichts ist der Minister bestrebt, eine Beschränkung nach der anderen, die letzten Grenzpfähle des Vorurtheils und Religionshasses zu entfernen. An verschiedenen christlichen, resp. Communalschulen sind jüdische Lehrer angestellt worden. Die israel. Lehrer in der Provinz Kurhessen sind in Beziehung auf Gehalt sowohl als auf sonstige Rechte mit ihren nichtjüdischen Collegen vollständig gleichgestellt und werden von nun an als vollberechtigte Staatsbeamte betrachtet. Wenn auch die preußische Gesetzgebung in Hinsicht auf die jüdischen Gemeindeverhältnisse und insbesondere auf die Lage der jüdischen Geistlichen noch Vieles, sehr Vieles zu wünschen übrig läßt, so ist zu hoffen, daß das theilweise in der nächsten Zeit anders, besser werden wird. Daß es nicht bereits besser geworden, ist nicht Schuld unseres Cultusminifters; — es haben dabei auch andere Ressortchefs mitzureden. — Sapienti sat. — Da nun unser Cultusminister in Beziehung auf das Schulwesen die Schranken hinwegschaffen will, die bisher noch zwischen den verschiedenen Confessionen bestanden und schon auf der Schulbank gepflegt wurden, — dadurch, daß dem christlichen Kinde das jüdische und dem Geiste mancher Confessionsschnlen nach, selbst dem katholischen das evangelische Kind (und umgekehrt) als ein ganz fremdes erschien, — so müssen wir Israeliten, meiner unmaßgeblichen Ansicht nach, die allerletzten sein, die ihm hierin entgegentreten oder der Durchführung dieses Vereinigünsplanes auch nur indirekt Schwierigkeiten bereiten. Wollen wir denn unserer immer gelehrten und bethätigten, von unseren Feinden uns so oft und heftig bestrittenen Humanität untreu werden? Wollen wir konfessionelle Schranken in bürgerlich-gesellschaftlicher Beziehung aufrecht zu erhalten suchen? Sollen wir uns dem, dann allerdings berechtigten, Vorwurf aussetzen: Die Juden wollen keine, auch nicht bürgerliche, Vereinigung, wollen nicht die vollständige Gleichheit mit uns, weisen sie zurück! ihre Liberalität hört da auf, wo sie anfängt, ihnen nicht mehr in den Kram zu passen?! Wäre denn nicht eine solche Beurtheilung, eine Bezeichnung unseres Liberalismus, unserer Humanität als Principien der „Opportunität" durchaus am Platze, wenn wir diesen Principien huldigen, da, wo sie uns nützen, sie aber